Was ist ein <link>?

(Torsten Meyer)


Das spezifisch Neue an den "Neuen" Medien ist die HyperText- bzw. HyperMedia-Technologie. Sie wurde in den 30er Jahren entworfen, in den 60er Jahren verwirklicht und steht in den 90er Jahren einem großen Publikum im world-wide-web zur Verfügung. HyperText bezeichnet prinzipielle Möglichkeiten nicht-sequentiellen Zugriffs auf Datenbanken jeder Art, Menge und Komplexität. Zentrales Element des Informationsmanagements ist dabei der <link>, der "Schalter", das verweisende Element, das die eine Behauptung mit der anderen assoziiert.
Daß die <links> die Knoten sind, ohne die ein Netzwerk von Daten nur ein Haufen von losen Fäden wäre, macht sie medientheoretisch hochbrisant: Sie bilden die Klebstoffe, die Signifikate an Signifikanten binden und so den Dingen Bedeutungen zuweisen.


Aus der Beschaffenheit der <links> ergibt sich die Struktur des ganzen Systems. Die Ordnung des Wissens, die Geschäftsgrundlage unserer Kultur folgt seit langem dem Strukturprinzip "Baum": Im Sinne systematischer Enzyklopädie gibt es einen Stamm, aus dem Äste erwachsen, von diesen gehen Zweige ab, die sich wiederum verzweigen etc. Induktiv gewendet: Die Tomate zählt zum Gemüse, Gemüse zu den Pflanzen, Pflanzen zur belebten Natur, diese zur Materie, Materie zum Seienden, ...
Das klingt logisch, verständlich und vor allem eindeutig (Vielleicht steht es in Zusammenhang mit unserer monotheistischen Kulturtradition). Und es ist ungemein praktisch, denn auf diese Weise läßt sich sehr effektiv Komplexität reduzieren: Der Stamm des Baums bildet den Algorithmus, aus dem sich alles weitere ergibt.


Anfang der siebziger Jahre haben die Poststrukturalisten das "Ende des Durchblicks" heraufbeschworen - mit dem Internet wird die Polysemie unseres symbolischen Universums nun anschaulich deutlich: Wir sind real konfrontiert mit Millionen von Behauptungen, Bezeichnungen und Bedeutungen - zweifellos gab es diese auch schon vorher, man hat sie nur nicht in dieser Deutlichkeit gesehen oder sehen wollen. Insofern kann das WWW als wirklich "postmodernes" Medium angesehen werden: Es gibt keine Mitte des Internets, keinen Ursprung, keinen Algorithmus, auf den alles weitere reduziert werden könnte. Es gibt nur noch Pluralitäten, Diversitäten und schwankende Fundamente. Das Strukturprinzip "Baum" hilft nicht weiter, vielversprechender scheint die von Deleuze und Guattari aufgeworfene Metapher des "Rhizoms": Als Rhizome werden Wurzelstöcke von Staudengewächsen bezeichnet, die waagerecht oder senkrecht, unterirdisch oder dicht unter der Bodenoberfläche wachsen. Sie bestehen aus sproßartigen Wurzeln, farblosen Niederblättern und Knospen, die der Bildung der oberirdischen Laub- und Blütentriebe dienen. Rhizome wachsen an den Spitzen unbegrenzt weiter, ältere Teile sterben allmählich ab. Ein Rhizom kann so an jeder beliebigen Stelle aufbrechen, weiterwuchern und sich nach allen Richtungen verzweigen. Es gibt keine Hauptwurzel, es verweist nicht jeder Strang, nicht jeder Seitenpfad auf einen gemeinsamen Ursprung.


Es kann, obwohl in Kreisen der Informatiker üblich, in solchen Systemen eigentlich nicht mehr von "Navigation" die Rede sein, weil diese Metapher immer ein Ziel impliziert, das man durch geschickte Navigation schnell und sicher erreichen kann - passender scheint mir der Begriff des "Browsers" (So werden die Internet-Programme bezeichnet, die die digitalen Daten des WWW graphisch auf den Bildschirm umsetzen.) Browsen heißt "Stöbern", "flüchtig lesen" - es ist eine Art geistigen Flanierens, das mal hier- und mal dorthin treibt, je nach Vorlieben und Interessen.
Nach derartigen, rhizomorphen, Prinzipien angewendet können "Neue" Medien als Dekonstruktionsmaschinen zur Erzeugung "produktiver Irritationen" gelten, - als Browser, die zwar lose, aber immerhin überhaupt Zusammenhänge knüpfen können auf den schwankenden Fundamenten unserer Subkulturen-Kultur - Man kann damit zwar auch die Art und Weise der Verknüpfungen auswendig lernen, die ein festes Begriffssystem definieren, darauf setzen z.Z. viele Pädagogen und Bildungsminister ihre Hoffnungen (Es ist gar wieder von der Allerziehung, der Pampaedia, die Rede - und Comenius wird zum "Schutzpatron" der Medienpädagogik erhoben) - man kann aber auch die Kunst des Knüpfens selbst lernen ...
... und so zu einer (Ästhetischen) Bildung kommen, die sich - wie die Kunst selbst - als praktizierte Medientheorie verstehen läßt.



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