das Rhizom

(Martin Arnold)


—Seid nicht eins oder viele, macht Vielheitenž (Deleuze/Guattari: žRhizomž)




Einstieg

Der ursprüngliche Begriff des Rhizom stammt aus der Botanik. Sucht man den Begriff in den üblichen Nachschlagewerken, so stößt man auf Definitionen wie diese:

RHIZOM [gr.] (Wurzelstock, Erdsproß) unterirdisch oder dicht unter der Bodenoberfläche waagerecht oder senkrecht wachsende, Nährstoffe speichernde (jedoch nicht zur Assimilation befähigte), ausdauernde Sproßachse vieler Stauden; mit sproßbürtigen Wurzel, farblosen Niederblättern und Knospen; letztere dienen zum Teil dem Weiterwachsen des Rhizoms selbst, zum Teil der Ausbildung der meist einjährigen Laub- und Blütentriebe. Rhizome wachsen (während mehrerer Vegitationsperioden) an der Spitze unbegrenzt weiter, die älteren Teile sterben allmählich ab.

(Meyers enzyklopädisches Lexikon, Bd. II, Mannheim 1977)


Ein Zusammenhang zur hypermedialen Kultur läßt sich hieraus nur schwer erkennen. Werfen wir aber einen Blick auf die Bedeutung, die Gilles Deleuze und Felix Guattari dem Begriff geben, wird deutlich, daß kaum ein Wort das Wesen der Hypertextualität treffender umschreibt. Im Vorwort zu dem Buch —Tausend Plateausž übertragen die Autoren das ursprünglich botanische auf ein neues Denkmodell, dessen Notwendigkeit aus der Aussage resultiert, es genüge nicht länger das Viele (multiple) auszudrücken, man müsse es machen.

Das herkömmliche Medium Buch sei nicht in der Lage diesem Anspruch gerecht zu werden, solange es den Anspruch habe das Objekt darzustellen, dabei aber —organisch, signifikant und subjektivž sei. Das —Wurzel Buchž gleiche einem baumartigen Modell, bei dem aus der Einheit des Objekts durch Reflexion immer zwei neue entstünden. Das heißt jeder Vielheit läge dann ein Ursprung (eine Einheit) zugrunde. Auch das —Buch als Wurzelbüschelž der Moderne- beispielsweise beschrieben in W. S. Burroughs —Acidž (die —cut-up Methodež)- werde der echten Vielheit nicht gerecht, da sich in der übergeordneten Dimension des Zyklus die Einheit wiederfinde.

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Warum —Vielheitž ?

Um mit der oben beschriebenen Dualität, der Komplementarität von Subjekt und Objekt zu brechen, muß das Viele gemacht werden. Es gibt keine einheitliche Beschreibung der Welt. Wie im radikalen Konstruktivismus dargelegt, ist die objektive Erfassung der Welt unmöglich. —Ein Buch hat also kein Objekt mehr. Als Verkettung steht es nur in Verbindung mit anderen Verkettungen... ž Ein Medium also, daß dem Multiplen gerecht werden soll ist als —abstrakte Maschinež zu begreifen, die an andere Maschinen angeschlossen ist.

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Wie definiert sich das Rhizom?

Nach Deleuze und Guattari hat das Rhizom sechs grundlegende Merkmale.

1. und 2. Das Prinzip der Konnexion und Heterogenität

Dieses Prinzip impliziert sowohl, daß jeder Punkt mit jedem anderen beliebigen Punkt verbunden werden kann und muß (Konnexion), als auch, daß das eben jene Verbindungen eigenständig und unabhängig voneinander bleiben.

3. Das Prinzip der Vielheit

s.o.

4. Das Prinzip des asignifikanten Bruchs

—Ein Rhizom kann an jeder beliebigen Stelle gebrochen oder zerstört werden; es wuchert entlang seinen eigenen oder anderen Linien weiter.ž Anders ausgedrückt- Haben Sie schon einmal versucht eine Quecke oder einen Ameisenbau, hat er ersteinmal eine gewisse Größe in ihrem Garten erreicht, zu zerstören?

5. und 6. Das Prinzip der Kartographie und Dekalkomonie

Ziel ist es nicht Kopien zu erstellen, sondern Karten zu machen. —Die Karte ist offen, sie kann in allen ihren Dimensionen verbunden, demontiert und umgekehrt werden, sie ist ständig modifizierbar.ž


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Bezug zum WWW

Der Bezug zu den hypertextuellen Strukturen, die wir aus dem World Wide Web kennen ist offensichtlich.

Im Hyperspace, wo die Grenzen zwischen Schrift, Sprache und Bild entfliehen, wo Linearität nicht mehr existent ist, muß Rhizom gemacht werden.

Lesen und schreiben erhalten im WWW eine völlig andere Bedeutung. Der Autor eines (echten) Hypertextes- im Gegensatz zum herkömmlichen Buchautor- überläßt dem Leser (USER) ein Gespinst, ein komplexes Bild seiner Gedanken, verbunden durch die LINKS. Er gibt nicht vor wie der Text zu lesen ist, der Leser komponiert seinen eigenen Weg durch dieses Netz der Gedanken.

Lesen ist nicht länger ein passiver Rezeptionsvorgang. Es findet kreative Interaktion zwischen Autor, Leser und Text statt.

Die offene Struktur des Textes und die persönlichen Interessen des Lesenden erschaffen ein neues Gedankenkonstrukt. Durch das "hangeln von Link zu Link" mit Hilfe der Buttons macht der Leser Rhizom.

Das gesamte WWW ist also ein sich ständig veränderndes und expandierendes Netz von Schnittstellen, in dem es keinen Ursprung gibt. Es gibt keine "richtigen" oder "falschen", sondern nur individuell verschiedene Wege.

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Schule

Es stellt sich die Frage, ob die Institution Schule sich noch länger anmaßen kann genormte "Realitäten" in einer Welt vorzuschreiben, die anhand der schier unendliche Fülle von Informationen ständig auf eine Vielheit von Normen (Realitäten) hinweist. Die sogenannten Neuen Medien können nicht auf Dauer in ihrer kulturellen Funktion auf dem Weg ins Informationszeitalter ignoriert werden.

Aufgabe der Pädagogik wäre hier also die Anweisung zum Rhizom (zum Finden des eigenen Weges) mit Blick auf die Erhaltung/Erschaffung eines Konsens. Der projektorientierte Unterricht mit Einbeziehung der Neuen Medien scheint mir momentan wohl eine der besten praktischen Methoden zu sein, da hier der Weg, der zur Lösung eines Problems führt frei gewählt und im sozialen Miteinander gestaltet werden kann.


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Literatur:

Gilles Deleuze / Felix Guattari "Rhizom" in "Tausend Plateaus", Merve Verlag Berlin

M. Sandbote "Hypertextualität im WWW", Magdeburg 1996

T. Meyer "Netzgestalten", Hamburg 1996


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