Auszug aus Michael Frayns 'Blechkumpel'... 
Goldwassers Untersuchung über automatisch erstellte Zeitungsartikel:"Die Unfallumfrage brachte an den Tag, daß die Menschen kein Interesse an Verkehrsunfällen haben, wenn nicht mindestens von zehn Toten zu berichten ist. Die Mehrheit war der Ansicht, daß ein Verkehrsunfall mit zehn Toten nur wenig interessanter ist als ein Eisenbahnunglück mit einem Toten, außer man stößt auf einige pikante Einzelheiten - wenn es sich zum Beispiel herrausstellt, daß die zehn Toten fünf noch jungfräuliche Paare auf der Hochzeitsreise waren, oder Fußgänger, die der örtliche Friedensrichter auf der Heimfahrt von einem Jägerball niedergemäht hatte. Ein Eisenbahnunglück war immer unterhaltsam, ganz gleich, ob Kinderspielzeug ergreifend zwischen den Trümmern lag oder nicht. Sogar ein Eisenbahnunglück auf dem Kontinent war erfolgsträchtig - vorausgesetzt, es gab mindestens fünf Tote. Wenn es in den Vereinigten Staaten stattfand, betrug die erforderliche Mindestanzahl zwanzig Tote; in Südamerika hundert; in Afrika zweihundert; in China fünfhundert. Eigentlich zogen die Menschen aber Flugzeugabstürze vor. Merkwürdigerweise zeigten die Leute dabei wesentlich weniger Rassenvorurteile; wenn der Absturz außerhalb Großbrittanniens stattfand, hatten fünfzig tote Pakistanis oder fünfzig tote Philipinos den gleichen Unterhaltungswert wie fünfzig tote Amerikaner. Am meisten mochten die Menschen aber etwa siebzig Tote, wobei ungefähr zwanzig Überlebende, darunter Kinder, nach mindestens einer in offenen Booten verbrachten Nacht gerettet wurden. Das Tüpfelchen auf dem i war für sie die Geschichte von der Hausfrau, die mit dem Flugzeug fliegen sollte, es sich aber im letzten Augenblick anders überlegt hatte."Ich glaube schon, daß bei RTL oder SAT1 solche Untersuchungen vorliegen, daß Tote hinsichtlich ihres "impacts" auf die Zuschauer - abhängig von Ort, Nationalität, Todesursache und Begleitumstände - als Nachrichten ins Programm genommen werden oder nicht. Dies wäre ein weiterer Schritt zur (allgemeinen?/medienbezogenen? - ist dort noch ein Unterschied?) Quantifizierbarkeit menschlichen Seins. Wie gesagt, "Blechkumpel" stammt aus dem Jahr 1965! 

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