Eigene Gedanken...
Warum diese Faszination des Menschen an der Formalisierung
und Entkoppelung ehemals menschlicher Domänen wie Verstand, Geist,
Sprache?Die Suche nach der letzten WahrheitMan mag versucht sein, gerade
unser Jahrhundert - vielleicht auch nur die zweite Hälfte unseres
Jahrhunderts - als geprägt durch den Willen und das Vermögen
zur Automation und Computerisierung anzusehen. Daß die technischen
Grundlagen irgendwann einmal gegeben sein würden, auch komplexere
menschliche Domänen wie Sprache, Verständnis oder Lehre zumindest
nachzuahmen, war wegen des raschen technischen Fortschritts wohl abzusehen;
interessanter ist da schon der Willen des Menschen zu dieser Nachahmung.
Wenn namhafte Wissenschaftler erklären, daß sie an der Simulation
menschlichen Verhaltens und menschlicher Sprache, vielleicht sogar an der
Simulation "aller Aspekte" dieser Welt (siehe McCarthy)
arbeiten, dann mag das interessant aber belanglos für die meisten
von uns sein. Aber wieviele haben noch nicht im Kino oder Fernsehen Filme
über künstliche Geschöpfe wie Roboter, Computer, Cyborgs,
Androiden gesehen, die uns einerseits durch ihre Ähnlichkeit zu uns
in bestimmten Bereichen anziehen, andererseits durch ihre Emotionslosigkeit
und Effizienz abstossen und erschrecken.Die Idee von von Menschenhand gefertigten
künstlichen Geschöpfen ist sehr alt und über alle Hochkulturen
verbreitet. (z.B. Pygmalions elfenbeinerne Frauenstatue, die chinesische
Kunst des Kwai Shu, die Statuen Leben einhaucht, oder die sprechenden Abbilder
aus dem alten Testament, die Teraphim (vgl.Cohen 1968), S.11ff) Was einen
Großteil der historischen Überlieferungen, Sagen und Legenden
auszeichnet, ist, daß ihre Automaten in irgendeiner Form mit "Wahrheit"
in Verbindung stehen, und zwar einer Wahrheit, die dem Menschen nicht zugänglich
ist, durch die von ihm geschaffenen Abbildern als Medium schon. Als Beispiel
wären die zahlreichen sprechenden Köpfe,
die orakelhafte Weisheiten von sich gaben und natürlich der Golem
des Rabbi Loew zu nennen.Ist Benennung nicht auch immer mit dem Wunsch
verbunden, Macht über das Schicksal des Benannten zu erlangen? Die
ersten Namen sind ja Beschreibungen dessen, was im Benannten gesehen oder
hineingedeutet wurde. Der Golem z.B. konnte nur zum Leben erweckt werden,
weil Rabbi Loew den komplexen, 72 Buchstaben langen wahren Namen Gottes
auf Pergament schrieb (der identisch mit den Worten sein soll, mit denen
Gott die Welt erschuf (vgl. Cohen 1968, S.30)) und diesen unter die Zunge
des Lehmwesens legte. Die eigentliche Belebung erfolgte durch die Aufbringung
von "Amenth" - Wahrheit - auf die Stirn des Geschöpfes, seine Zerstörung
durch das Entfernen des ersten Buchstaben des Wortes, aus dem dann "Menth"
- Tod - wurde. Mit physischen Mitteln war dem Golem nicht beizukommen,
aber die Macht des Wortes machte seine Belebung möglich und beherrschte
ihn in seiner Existenz.Wenn wir heute physikalische Gleichungen erstellen
oder Computerprogramme schreiben, dann ëbenennení
wir ein Phänomen mit (s)einem geheimen Namen - oder mit dem, von dem
wir glauben, das er ist . Was "Gravitation" oder "Microsoft Windows" ist,
ist den meisten ungefähr klar, aber wirkliche Macht (im wissenschaftlichen
Sinne) hat nur der, der die (mathematischen) Zeichen entschlüsseln
kann, aus denen der wahre Name sich zusammensetzt. Haben wir nun eine Maschine,
die "alle Aspekte der Welt" simulieren kann, dann besitzen wir prinzipiell
ein Abbild der Schöpfung in unserer Hand. Vielleicht sind wir dann
der Ansicht, daß, wenn Abbild als auch
Vorbild prinzipiell identisch sind und wir das Abbild in einer Programmiersprache
bei seinem wahren Namen nennen können, wir dann auch den wahren Namen
der Schöpfung - und damit des Schöpfers gefunden haben. Das Finden
der "Wahrheit" hat im Computer nur einen neuen, dem wissenschaftlichen
Weltbild konformen Ausdruck gefunden, genauso wie vorher Seancen, Mesmerismus,
ritueller Drogengebrauch, forcierte tranceartige Zustände durch Fasten,
Geißeln, Schlafentzug etc. als legitime Mittel benutzt wurden, um
Erleuchtung zu erlangen. Wir finden am Ende wahrscheinlich immer nur uns
selbst. Die Suche mag deshalb zwar nicht vergeblich sein, jedoch wird sie
irrig, wenn wir etwas anderes, höheres als uns selbst - so fremdartig
es uns auch erscheinen mag - erwarten.
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