Quellen und Lesetips... 
Quellen:Cohen, J.: "Golem und Roboter - Über künstliche Menschen"; Umschau Verlag, Frankfurt am Main 1968Völker, K.(Hrsg): "Künstliche Menschen - Dichtung & Dokumente über Golems, Homunculi, Androiden und lebende Statuen"; zweibändig, Carl Hanser Verlag, München 1971Weizenbaum, J.: "Die Macht der Computer und die Ohnmacht der Vernunft", 9.Auflage, Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1994 Ersterscheinung als "Computer Power and Human Reason. From Judgement to Calculation" 1976 bei W.H. Freeman & CompanyDa die 9.Auflage auch in der Seitenaufteilung identisch ist mit der 1.Auflage von 1977, beziehe ich mich mit "Weizenbaum 1977" eigentlich auf "Weizenbaum 1994". Ich fände es allerdings bedauerlich, wenn die Gedanken Weizenbaums, die eigentlich zwanzig Jahre zurückliegen, irrtümlicherweise beim flüchtigen Lesen der lokalen Quellen als Gedanken der 90er Jahre interpretiert werden.Weizenbaum, J.: "Kurs auf den Eisberg oder Nur das Wunder wird uns retten, sagt der Computerexperte"; Pendo Verlag, Zürich 1984Zimbardo, P.G.: "Psychologie", 4.neubearb. Auflage, Springer Verlag, Berlin Heidelberg 1983 
Lesetips:Eigentlich sollten jetzt wissenschaftliche Grundlagenwerke zum Thema Wirklichkeit-Konstruktion-Simulation, geschrieben von hochkompetenten Autoren wie Horkheimer, Wiener oder Berger/Luckmann folgen. Allerdings bin ich, wie wahrscheinlich die meisten anderen (meist männlichen?) Vertreter der Computergeneration mit Science-Fiction-Romanen und Filmen wie Tron oder Wargames aufgewachsen, während ich Basic-Versionen von ELIZA in meinen C64-Computer eintippte. So unprofessionell es beim ersten Eindruck auch klingen mag, aber diese Einflüsse haben mich - zumindest emotional gesehen - stärker geprägt als die während meines Studiums gelesene Fachlektüre. Zu Bedenken ist, daß in den Genuß studentischen Bücher- und Gedankenwälzens nur ein Bruchteil unserer Bevölkerung kommt, daß Filme, Romane, Kindheitseinflüsse mehr oder weniger unreflektiert zum Weltbild der Mehrheit beitragen. Von den ca. 600 SF-Romanen, die ich zwischen 12 und 27 gelesen habe, haben nur wenige "überlebt" und sind mit der Zeit eher relevanter als trivialer geworden. Hier sind vier davon: 
Frayn, Michael: 'Blechkumpel', Heyne Verlag 1982; (Original: "Tin Men", 1965)Im William Morris Institut für Automationsforschung werden die Grundlagen einer vollständig computerisierten Zukunft erarbeitet. Automatisierte Zeitungen, Sportarten, Religionen gehören dazu, ebenso wie ganze Testreihen "ethischer Maschinen". Das Institut ist ein Tollhaus wahnwitziger, von Neurosen und Minderwertigkeitskomplexen geplagter Ingenieure und Automatisierungsfachleute, hauptsächlich die liebevoll charakterisierten Macintosh (Ethik), Goldwasser (Medien), Rowe (Sportarten), Riddle (Politik) und vieler anderer. "Tin Men" ist für seine Zeit (1965, zwei Jahre vor ELIZA) überraschend visionär, vor allem was die Betrachtung automatisierter Massenmedien und die Faszination der Wegrationaliserbarkeit des Menschen angeht. Zum zweiten ist es das lustigste Buch, das ich je gelesen habe, voll von trockenstem englischen Humor. Ständig läuft einem ein Schauder über den Rücken bei der Vorstellung, daß die Mitarbeiter dieses Instituts mit ihrer Arbeit auf die Menschheit losgelassen werden könnten. Aber wahrscheinlich ist dies sogar schon geschehen. (Leseprobe!) 
Gerrold, David: "Ich bin Harlie", Heyne Verlag 1974; (Original: "When Harlie was One", 1972; Überarbeitete Ausgabe: "When Harlie was One - Release 2.0", 1988)HARLIE steht für Human Analog Reproduction Lethetic Engine und ist ein Computer. Er verständigt sich über Teletype (a la ELIZA) mit seinen Schöpfern Auberson und Handley und lernt in mühsamen, teils geistreichen Dialogen, was 'Menschsein' bedeuten soll. Ironischerweise sind weder Auberson noch Handley in der Lage, ihm zu erklären, was z.B. Liebe ist; "Menschlich" wird HARLIE erst, als der geldgebende Konzern für das Forschungprojekt nicht mehr von der Rentabilität des Projektes überzeugt ist und HARLIE abschalten lassen will. Im Existenzkampf lernt HARLIE rasch, zu lügen und Menschen zu manipulieren, um seine eigenen Ziele zu verfolgen. Diese sind weder (wie im klassischen SF-Roman) gut noch schlecht, sondern einfach jenseits sämtlicher menschlicher Bezugsebenen. Ein Buch, 1972 geschrieben, das meiner Meinung nach eindeutig von der Thematik Weizenbaums "Of Computer Power and Human Reason" und ELIZA beeinflußt worden ist; die Gespräche über Teletype sind in der Form her identisch mit dem Beispiel von Weizenbaums "ELIZA", nur daß hier der Entwicklungssprung von unbewußter zu bewußter Intelligenz möglich ist. Viele Ideen, die Weizenbaum kritisiert, finden sich hier wieder; "Ich bin Harlie" wirkt wie ein auf den Kopf gestelltes Resümee des vorherigen Buches. 
Sladek, John: "Roderick oder die Erziehung einer Maschine", Knaur 1982 und "Roderick II oder Lehr- und Wanderjahre einer Maschine", Knaur 1984Ebenfalls ein Buch, welches sich mit der Frage auseinandersetzt, was Menschen eigentlich noch von Robotern unterscheidet - oder umgekehrt. Vom Stil her schreibt Sladek "Roderick" wie eine klassische griechische Tragödie, die Menschen scheinen kaum Gewalt über ihr eigenes Schicksal zu haben, die Welt läuft - ob nach ihrem oder gegen ihren Willen - auf den Abgrund zu, während Roderick mit den leeren Versprechungen einer entmenschlichten und profitorientierten Industriegesellschaft, verfolgt von einer Wissenschaftlerclique im schlimmsten Weizenbaum'schen Sinne, "aufwächst" wie ein normales Kind. Dies geschieht unter Bedingungen, die zur Normalität des US-Amerikanischen Alltags gehören, währenddessen nimmt Roderick wie ein Chamäleon der Reihe nach sämtliche Wertevorgaben an, so unsinnig sie auch sein mögen, scheitert an ihren inneren Widersprüchen und steckt die Schelte derer ein, die für sein Versagen eigentlich verantwortlich sind. "Roderick" ist im Wesen ein Schelmenroman und geht - wie alle Bücher dieses Genres - unbarmherzig mit bestehenden Gesellschaftstrukturen (zu denen hier Wissenschaft, Wirtschaft und Medien gehören) ins Gericht. 
Gibson, William: "Neuromancer", Heyne 1987, "Biochips", Heyne 1988 und "Mona Lisa Overdrive", Heyne 1989Ein Klassiker der Cyberpunk-SF, wiewohl der Begriff "Cyberpunk" von Gibson popularisiert durch seine Romane erst zum Allgemeingut wurde, ebenso wie die "Matrix", die Vision eines WWW in der Informationen, Daten, User etc. als virtuelle Repräsentationen von Gegenständen existieren und miteinander interagieren. Gibson schreibt in einem schnellen, fast kinoartigem Stil, verflochtene Handlungsfäden schrauben sich erst allmählich zu einem Gesamtbild zusammen. Seine Stärke liegt in der fast beiläufigen Beschreibung des Alltags einer äußerst realistisch wirkenden Zukunftsvision (erste Hälfte des 21. Jahrhunderts), die eher wie eine Projektion heutiger Tendenzen wirkt. Was technisch denkbar und machbar ist, wird in Produkte oder Technik umgesetzt, ethische oder moralische Erwägungen sind für die herrschenden Industriekonzerne unbekannt, Information bedeutet Macht, die Grenzen zwischen Mensch und Maschine verschwimmen allmählich, werden mit dem Fortschreiten der Trilogie (vielleicht sogar das Hauptthema der drei Bände) immer schwerer zu Unterscheiden; dasselbe gilt für Religion und Technik (Obwohl dieses Phänomen daherrührt, daß sich hochintelligente KI-Systeme dieser Metapher, der "Religion", bedienen, um überhaupt noch für Menschen verständlich zu sein). Gibsons Romane besitzen Kultstatus und haben sicherlich einen Motivationsschub für vielerlei reale technische Projekte hervorgebracht, indem sie sie in eine Gesamtvision einer merkwürdig dystopisch-technokratisch-religiösen aber trotzdem "funktionierenden" Welt einbauten und damit realer erscheinen ließen und lassen.
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