Wolfgang Welsch:
"Perspektiven für das Design der Zukunft."

(In: "Ästhetisches Denken", Stuttgart 1991, S.201 - 218, 211f )


"e) Derrida

Auch Jacques Derrida hat dieser neuen Gegenstands- und Sinnverfassung Ausdruck gegeben. Seine Kritik gilt nicht bloß der Moderne, sondern der gesamten abendländischen Tradition. Er stellt deren Grundideal der >Präsenz< in Frage. (17) Die Tradition strebte stets nach dem vollen, absoluten, von einem Augenblick zum nächsten und in alle Ewigkeit geltenden Sinn, der definitiv in einem Gedanken, einem Ereignis oder einem Gegenstand verkörpert und durch reines Beisichsein ohne jegliche Zerstreuung charakterisiert ist. Dieses traditionelle Sinn-Ideal dekonstruiert Derrida. Er analysiert dabei vor allem die Verfassung des Zeichens (>signe<) ein Terminus, der auch im Ausdruck >Design< enthalten ist. Derridas Dekonstruktion des Zeichens könnte für das Design auf eine Praxis des De-design hinauslaufen.
Derrida zeigt, daß der Signifikant niemals - wie die Metaphysik es erträumte- bloße Hülle eines ursprünglichen Signifikats ist, sondern daß die Materialität des Signifikanten an der Konstitution von Sinn und Bedeutung beteiligt ist. Daher gilt es, die Obsession des absoluten und vorgegebenen Sinns (wie sie beispielsweise in einer Formel wie >form follows function< noch immer lebendig ist) zu verabschieden. Jeder Sinn bildet sich in einem System von Verweisungen und Verschiebungen. Für unsere Gegenwart und in Zukunft wird gelten: Man muß auf die Kontexte, auf die Verlagerungen und Verschiebungen der Signifikantenkette achten, um das Spiel des Sinns erkennen und mitspielen zu können. Wir müssen unser Augenmerk nicht auf eine vermeintliche Präsenz, sondern auf Bewegungen der Dezentrierung und Zerstreuung richten. Das gilt nicht nur für die Philosophie, sondern auch im Leben: in Fragen der Liebe, der Architektur, des Berufs. Man sollte sich und die anderen von den strukturell falschen Absolutheitserwartungen befreien.
Damit entwickelt Derrida die Voraussetzung für einen wirklich einschneidenden Wandel im abendländischen (und vom Abendland beeinflußten) Denken. Gefordert ist der Übergang von der Vorstellung des absoluten, verkörpererungsfreien Sinns zur Anerkennung von Sinn als Effekt von Verknüpfungen. Das führt zu einer eminenten Aufwertung der Materialität der Zeichen und - für das traditionelle Denken ungewöhnlich - zu einer er positiven Thematisierung der Medien. Für das Design ergibt sich daraus insbesondere, daß es verstärkt Kontext- oder Rahmendesign anstelle von Objektdesign werden muß.
Derridas Umdeutung des .Sinns entspricht übrigens dem Übergang, den der französische Psychoanalytiker Jacques Lacan als ausschlaggebend für das Erwachsenwerden des Menschen - für seine Ablösung vom narzißtischen Spiegelstadium - beschrieben hat. (18) In diesem Sinne käme es heute auf ein Erwachsenwerden des Design an."


17 Vgl. insbes. Jacques Derrida, Die Schrift und die Differenz, übers. von Rodolphe Gasche, Frankfurt a. M. 1972, und ders., Grammatologie, übers. von Hans-Jörg Rheinberger und Hanns Zischler, Frankfurt a. M. 1974.
18 Vgl. insbes. Jacques Lacan »Das Spiegelstadium als Bildner der Ich-Funktion«, in: J. L., Schriften I, ausgew. und hrsg. von Norbert Haas, Olten/ Freiburg i. Br. 1973, S. 61-70.


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