"Wen kümmert´s, wer liest?" (1)
(Inga Griepenkerl)


   Hypertexte  

Um zu dem wesentlichen Merkmal von Internet-Literatur hinzuleiten, zitiert Uwe Wirth zu Beginn seines Textes einen Ausschnitt aus dem Roman "Wenn ein Reisender in einer Winternacht" von Italo Calvino. Italo Calvino wurde 1923 in Kuba geboren und studierte Philosophie und Literatur in Turin (Italien), wo er 1985 starb. In seinem oben genannten Roman hat die Schlüsselfigur, der Erfolgsautor Flannery, folgende Idee: "Bin auf den Gedanken gekommen, einen Roman zu schreiben, der nur aus lauter Romananfängen besteht. Der Held könnte ein Leser sein, der ständig beim Lesen unterbrochen wird.(...)" (S. 237)Auch bei Hypertexten wird der Lesefluß durch ständige untereinander vernetzte Verweise (Links) unterbrochen. Der Leser hat dadurch nahezu unbegrenzte Möglichkeiten, den Text an beliebigen Verweisen weiterzulesen. Dieses Netz aus Verweisen führt den Leser ständig vom vorhandenen Text weg zu einem neuen Text, d. h. der Leser springt zwischen verschiedenen Texten hin und her und hat somit einen Text vor sich, der im Grunde nur aus Textanfängen besteht. Es handelt sich dabei um einen offenen Text, da weder sein Anfang noch sein Ende zu bestimmen ist. Der Text bzw. seine Abfolge entsteht erst beim Lesen und ist durch die Vernetzung von Links mit anderen Links praktisch unendlich.Weil Hypertexte aufgrund ihrer internen Verweisstrukturen keine Grenzen haben und unendlich erweiterbar sind, kann Online-Literatur keinen Buch- oder Werkcharakter haben und sich nicht als Buch drucken lassen.Bei Hypertexten treffen verschiedene aber direkt vorhandene, durch Links miteinander verbundene Texte aufeinander, die auf verschiedenen Ebenen angesiedelt sind. Durch diese Intertextualität von Hypertexten, also dem "Dialog zwischen Büchern bzw. Textstellen", kann der Leser durch die Links "wirkliche Sprünge" zwischen verschiedenen Fragmenten vollziehen, sich tatsächlich zwischen verschiedenen Texten oder Textstellen bewegen. Beim Lesen von Büchern bleibt die Intertextualität dagegen eine virtuelle, sie entsteht nur im Gedächtnis des Lesers.Die stilistische Qualität des Online-Textes steht eher im Hintergrund, wichtig wird der Stil des Lesens, also wie das Hin- und Herschalten zwischen verschiedenen Textebenen und Links funktioniert.Uwe Wirth zitiert in diesem Zusammenhang Heiko Idensen nach dessen Aussage "Schreiben im Netzwerk nicht im klassischen Sinne mit Literatur zu tun hat, sondern es darum geht (...) Schreiben und Lesen als einen nomadischen Akt des Umherschweifens durch Text-Netzwerke zu begreifen."Im Zusammenhang damit fand ich unter der Adresse "www.uni-hildesheim.de/ami/indexa.html" ( 'Die imaginäre Bibliothek' ) unter dem Link "wissenschaftl. Arbeiten im Netz" und hier wiederum unter dem Link "Theorie: Netzwerk- Erzählweisen" folgenden Text von Heiko Idensen:"Online-Texte glänzen weniger durch literarische als vielmehr durch diskursive Qualitäten: Hin- und Herschalten zwischen verschiedenen Ebenen, Kontext-Bezüge, Querverbindungen, Schnelligkeit des Austausches - das Inszenieren und Bearbeiten intertextueller Strukturen - verteiltes kollaboratives Entwerfen und Entwickeln von Ideen.(...)Oneline-Recherche in Datenbanken und Archiven, weltweite Diskussionsforen, mailing-lists zu speziellen Themen (...), ... erweitern das WWW um diskursive Formen, die gemeinschaftliche Wissensproduktion und kollaboratives Arbeiten unterstützen. Das Netz selbst wird zum bevorzugten Ort des Denkens - und des Produzierens: Texte, Theorien Hypermedia können von allen gemacht werden."

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Ecos Rhizom

Aufgrund der vernetzten Verweisstrukturen ist das Lesen von Hypertexten sozusagen räumliches Lesen, und zwar das Lesen einer hypertextuellen "Weltkarte des Wissens". Der Leser liest eine Karte ohne seinen eigenen Standpunkt zu kennen, er muß diese lesend interpretieren und sich mit ihrer Hilfe orientieren.Es liegt beim Leser, sich von der Unordnung der Fragmente verwirren zu lassen, oder sich seine eigene Ordnung des Textes herzustellen. Hierbei muß er sich vom "Zwang des Linearen" lösen und seine eigene assoziative Ordnung herstellen, die erst beim Lesen selbst entsteht.Das Lesen eines Hypertextes kann sich daher als ein logisch fortschreitendes Durchdringen und Verstehen des Textes darstellen. Uwe Wirth bezieht sich hier auf eine Aussage von Heiko Idensen, nach dessen Meinung "rhizomatische Verknüpfungsweisen einen neuen Raum für textuelle, konversationelle und diskursive Austauschprozesse eröffnen", was er auch in dem oben zitierten Textausschnitt deutlich macht.Die rhizomatische Vernetzung kann aber auch die Verstehbarkeit des Textes erschweren, wenn die Verweise bzw. Links auf falsche Fährten führen. In diesem Zusammenhang wird oft vom Hypertext als einem "rhizomatischen Labyrinth", einem unstrukturiertem Geflecht, gesprochen."Alles hing mit allem zusammen, alles konnte mysteriöse Analogien mit allem haben" zitiert Uwe Wirth hier aus dem Roman "Das Foucaultsche Pendel" (S. 196) von Umberto Eco.In seinem Buch "Nachschrift zum Namen der Rose" beschreibt Eco ein rhizomatisches Labyrinth folgendermaßen: "Das Rhizom-Labyrinth ist so vieldimensional vernetzt, daß jeder Gang sich unmittelbar mit jedem anderen verbinden kann. Es hat weder ein Zentrum noch eine Peripherie, auch keinen Ausgang mehr, da es potentiell unendlich ist. Der Raum der Mutmaßung ist ein Raum in Rhizomform." (S. 65)

 

Bei der Suche nach Umberto Eco über die Suchmaschine Metacrawler Powersearch fand ich bei der Adresse "www4.ncsu.edu/eos/users/m/mcmesser/www/eco.html" folgende kurze Biographie Ecos:Umberto Eco wurde 1932 in Alessandria, Italien geboren. Er ist Professor für Semiotik an der Universität von Bologna. Er ist Philosoph, Historiker, Literaturkritiker und Ästethiker und lebt in Milan.Nach Meyers Großem Standard Lexikon bedeutet Semiotik die Lehre von der Entstehung, dem Aufbau und der Wirkweise von Zeichen und Zeichenkomplexen (Symbolen).

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Semiotik  

Eine ausführlichere Information bekam ich bei der Suche nach dem Begriff Semiotik über AltaVista Search, wo ich bei derArbeitsstelle für Semiotik in Berlin folgende Definition fand:"Semiotik ist die Wissenschaft von Zeichen. Sie beschäftigt sich mit allen Prozessen des Informationsaustausches als Prozessen, an denen Zeichen beteiligt sind. Menschen sprechen, schreiben, zwinkern, winken, stellen Wegweiser und Barrikaden auf, um anderen etwas mitzuteilen: Sie produzieren und interpretieren Zeichen. Aber selbst, wenn niemand die Absicht hat, etwas mitzuteilen, werden Zeichenprozesse wirksam: Ein Arzt interpretiert die Symptome einer Krankheit, ein Hund folgt einer Fährte, ein Dieb löst eine Alarmanlage aus.Die Semiotik untersucht alle diese Prozesse im Hinblick auf gemeinsame Strukturen. Ihr Untersuchungsbereich geht damit weit über kulturelle Phänomene hinaus und umfaßt z.B. auch die Interaktionen von Tieren, die Reiz- und Reaktionsprozesse von Tieren und Pflanzen bis hin zum Stoffwechsel der Organismen.Die verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen, die sich mit speziellen Fragen von Kultur(en) und Natur beschäftigen, verknüpft die Semiotik mit der integrativen Frage nach der Zeichenhaftigkeit der in ihnen untersuchten kulturellen und natürlichen Phänomene. Sie beschreibt die verschiedene Zeichenphänomene, systematisiert sie in Theorien und Modellen und versucht, diese Erkenntnisse für Problemlösungen in Wissenschaft, Gesellschaft, Wirtschaft und Alltag nutzbar zu machen."

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Literatur im Internet

Literatur im Internet besteht aus einem labyrinthischen Netzwerk von Zeichen. Dieses Netz aus Verweisen hat eine zentrifugale Wirkung, alle Links sind eine hypertextuelle Aufforderung an den Leser, an einer anderen Stelle bzw. einen anderen Text weiterzulesen.Ob ein Link den Leser dazu bewegt, den vorhandenen Text zu verlassen, hängt davon ab, was er mit diesem Link assoziiert, welche Vorstellungen er darüber hat, was sich hinter dem Link verbirgt. Ein Link ist ein Zeichen (Signifikat), das dem, was sich "dahinter verbirgt" (Signifikant), eine Bedeutung zukommen läßt.Die Frage "wo bin ich und wo will ich hin?" leitet das Denken und die Sinnfindung des Lesers während seines labyrinthischen Diskurses. Erst durch geistige Interaktion werden die Anschluß- und Schnittstellen informativ und interessant. Der Leser muß die Lücken zwischen Signifikat und Signifikant schließen, damit (s)ein Sinn entsteht.Das Denken und Interpretieren vollzieht sich dabei als ein Zeichenprozeß, welcher zugleich Bestandteil eines Argumentationszusammenhanges ist. Nach Eco ist die Logik des Lesens und Interpretierens die Logik der Abduktion, welche auf die labyrinthische rhizomatische Vernetzungen eine "Ordnung der Dinge" projizieren kann. ("Der Streit der Interpretationen", S. 45)Uwe Wirth weist in seinem Text auch auf die "Bibliothek von Babel" hin, welche in dem Buch "Die zwei Labyrinthe" von Jorge Luis Borges als unbegrenztes und zyklisches rhizomförmiges Labyrinth beschrieben wird. Ebenso wie das Rhizom ist die "Bibliothek von Babel" eine Peripherie ohne Mittelpunkt, deren Umfang unzugänglich ist.Borges wurde 1899 in Buenos Aires geboren. Der argentinische Schriftsteller begann als Lyriker und schrieb später vorwiegend Essays und phantastische Erzählungen (aus Meyers Großem Standard Lexikon).Über AltaVista kam ich mit dem Suchbegriff "Bibliothek von Babel" zu der Seite "Welt des Buches, Literaturwanderung durchs Computernetz" von Florian Cramer, in der eigentlich das Buch "Literarische Spaziergänge im Internet" von Reinhard Kaiser beschrieben wird, die aber zu Beginn die "Bibliothek von Babel" und deren Bezug zur Literatur im Internet allgemein darstellt:"Vom Universum, das andere die Bibliothek nennen, handelt die Kurzgeschichte von Jorge Luis Borges. Die Bibliothek von Babel ist Wohnort ihrer Besitzer. Sie erscheint diesen als Ausgeburt eines kombinatorischen Mechanismus, der die Buchstaben des Alphabets so oft neu anordnet, bis jedes Buch geschrieben ist. Jede Geschichte scheint in ihr, bevor sie erfunden wurde, gefestigt. Die anfängliche Begeisterung der Bewohner weicht der Depression. Sekten bilden sich, die in einem der unzähligen Bücher den geheimen Hauptkatalog vermuten...""Die Wunsch und Schreckensmetapher der Totalbibliothek erfuhr eine ungeahnte Konjunktur, als das Internet zum Massenmedium wurde. Sie prägte die Debatte seiner Theoretiker, von Skeptikern und Enthusiasten. Borges` Figuren gleich schienen sie zu übersehen, daß die Totalität der Bibliothek nur eine ihrer eigenen, unzähligen Fiktionen ist. Das Internet, so stellt schnell fest, wer es einmal betreten hat, ist viel zu lückenhaft, um bibliomane Unendlichkeit auch nur vortäuschen zu können."Bei Internet-Literatur ist jeder Teiltext automatisch Bestandteil eines allumfassenden Textes, der ständig im Entstehen begriffen ist, denn Hypertexte sind potentiell jederzeit erweiterbar.Ohne ein limitierendes Relevanzkriterium führt die rhizomatische Bibliothek den Leser in die semantische Orientierungslosigkeit, "wo alles mit allem zusammenhängt". Sein Denken darf daher nicht bloß assoziativ, sondern muß auch argumentativ abschließbar sein.Die Bibliothek repräsentiert nicht das Wissen selbst, sondern seine labyrinthische Organisationsform. Und das Erkennen dieser Struktur ermöglicht dem Leser von hypertextuell organisierter Literatur, sich durch seine eigene, lesergesteuerte Selektion im "Raum der Mutmaßung" zurechtzufinden.

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