1. Der Leser

 

als Detektiv als der Schuldige als Täter
Nach Eco will der Leser die diskursive Strategie eines Textes, die entwirren oder verwirren kann, entschlüsseln. 
Mit anderen Worten: 
Um herauszufinden wer der Schuldige ist, muß der Leser annehmen, daß alle Tatsachen eine Logik haben, nämlich die Logik, die ihnen der Schuldige auferlegt hat. 
 
Proust ist der Meinung, daß jeder Leser, wenn er liest, in Wirklichkeit ein Leser seiner selbst ist. 
Folglich kann der Leser Detektiv und Schuldiger zugleich sein. 
 
Wenn ein Leser bei der Konstitution des Textes oder bei der Ergänzung diskursiver Leerstellen mitarbeitet, so gerät er in die Mittäterschaft. 
So ist der Leser Täter und Detektiv zugleich. 
Einerseits kann der Leser sich naiv den Sprüngen und Strategien des Diskurses überlassen. Andererseits versucht der Leser herauszufinden, wie ihn der Text zur Mitarbeit und Komplizenschaft auffordert. 
Hier wird der Leser zum —kritischen Leserž. Die —kritische Leistungž des Lesers besteht darin, im Akt des Lesens und Interpretierens die Perspektive zu verändern. Wirth spricht hier von einem —switchingž zwischen den einzelnen Rollen. 
 

 

Nach Flusser erstellt der Leser die Information aus den Informationselementen. Mit anderen Worten folgt er verschiedenen Knüpfmethoden, den Links, die ihm von der künstlichen Intelligenz vorgeschlagen werden.Idensen sagt, daß der Leser eigene Wissenspfade abschreitet. Wirth stellt dies in Frage, das sich der Leser, wenn er den Links folgt eventuell nur in einem vorgeschriebenen Rahmen bewegt. Der Leser wird hier mit einem Spurenleser verglichen, wenn er den Links zwischen den verschiedenen Textelementen folgt. Wingert nimmt von diesem Vergleich Abstand, da er der Meinung ist, Links sind keine Abdrücke unschuldiger Tiere. Links sind von einem Autor oder Herausgeber vorgeschriebene Verweise. Wer den Links naiv folgt und Wissen zusammenliest betreibt eine Art assoziativen —brain stormingsž. Dies ist seiner Meinung nach noch kein Wissenserwerb.Nach Flusser gibt es drei Arten den Lesens von Hypertexten.1. das vorsichtige Auseinanderfalten2. das hastige Überfliegen3. das mißtrauische NachschnüffelnLetzteres ist für ihn die kritische Form des Lesens, die wiederum im Gegensatz zum wahllosen Lesen steht. Das wahllose Lesen ist sprunghaft und assoziativ. Es ist für Flusser bloßes —ratenž. Wirth kritisiert diese Einstellung, denn das mißtrauische Nachschnüffeln schließt als detektivische Form des Lesens das Raten mit ein. Das Raten ist der erste Schritt beim Aufstellen von interpretativen Hypothesen. So sagt auch William von Baskerville aus Ecos —Der Name der Rosež: —Die erste Regel beim Entziffern einer Geheimbotschaft ist, zu raten, was sie uns sagen will.ž.

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3. Die Logik des Lesens und Interpretierens

Die Logik des Lesens und Interpretierens ist nach Eco die Logik der Abduktion.Für Charles Sanders Peirce ist die Abduktion der Prozeß, eine erklärende Hypothese zu bilden. Bei der Aufstellung einer Argumentationskette ist der erste Schritt die Abduktion. Als zweiter und dritter Schritt folgen die Deduktion und die Induktion. Sie sollen die abduktiv aufgestellten Hypothesen logisch und empirisch überprüfen. An der Abduktion sind konstruktive und rekonstruktive Momente beteiligt. Die abduktive Selektion und Konstruktion von Hypothesen kann sowohl entdeckendes Herausfinden von etwas (detection), als auch Erfinden (intention) sein. Die Abduktion dient der Identifikation von Spuren, dem Ergänzen von Fragmenten, der Information über Ursachen und dem Erschließen der Intentionen und Gesetzmäßigkeiten eines Diskurses. Voraussetzung für die Abduktion ist ein detektivischer Spürsinn für das Relevante, ein —Rate-Instinktž.Beim Lesen von Internet-Literatur sollte der Leser die Fähigkeit zum intelligenten Raten besitzen. Er schlüpft also in die Rolle eines abduzierenden Detektivs, der auf seinem Lesepfad einen plausiblen Zusammenhang zwischen den verschiedenen Textfragmenten herstellt. Neben den vorgegebenen Links sollte der Leser-Detektiv auch sogenannte —missing linksž suchen und finden, d.h. verborgene Verbindungen aufdecken und abduktive Mutmaßungen über den thematischen Zusammenhang aufstellen.Um nicht zu einer beliebigen Ordnung der Dinge und in eine universelle Anschließbarkeit von allem mit jedem zu gelangen, ist ein limitierendes Relevanzkriterium nötig. —Zusammenhänge gibt es immer, man muß sie nur findenž sagt Eco in dem Buch —das Foucaulschen Pendelž. Er bringt ein Beispiel, in dem man durch sprunghafte Assoziation in fünf Schritten von Würstchen zu Plato gelangen kann. Von Würstchen gelangt er zu Schwein, von Schwein zu Borste, von Borste zu Pinsel, von Pinsel zu Manierismus, von Manierismus zu Idee und von Idee zu Plato. Das sind willkürliche Zusammenhänge, wo die Grenze zwischen relevanten und irrelevanten Aspekten verwischt.Nach Idensen muß das assoziative, hypertextuelle Lesen aktiv in den Prozeß des abduktiven Hypothesenaufstellens integriert sein. Erst dann wird die rhizomatische Verweisstruktur des Netzes zu einem —produktiven Feldž, in dem sich Entdeckungen, Erfindungen und Innovationen abspielen. Die Anschluß- und Schnittstellen werden durch geistige Interaktion informativ und interessant. Folglich geht das abduktive Aufstellen von Hypothesen über das bloße assoziative, ratende Zusammenlesen von verlinkten Textfragmenten hinaus.

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