" Wen kümmert's, wer liest" (3) :
Abduktive Detektive

(Sandra Steinemann)  



In den beiden letzten Abschnitten der Ausführungen Wirths zum Thema "Literatur im Internet.Oder:Wen kümmert's,wer liest?" geht es verstärkt um die Rolle des Lesers von Internet-Literatur.Was muß solch ein Leser wissen und können, um rezipieren zu können?Ein "guter Text" will laut Eco "für seinen Leser zu einem Erlebnis der Selbstveränderung werden."1 . Wirth versucht nun die Frage zu klären in welche Richtung diese Selbstveränderung führt. "Wird er vom sinnsuchenden Detektiv zum surfenden Dandy oder umgekehrt?" Die Selbstveränderung stellt dabei den Höhepunkt lesergesteuerter Aktivitäten, im Rahmen des Leseprozesses von Internet-Literatur, dar. Der Leser wird aufgefordert eine "kontingente Kohärenz zwischen den hypertextuellen Schnipseln und Verweisen herzustellen".Hypertexte sind laut Wirth "Präsuppositionsmaschinen"2 ,d.h. es existieren als gegeben angenommene,unausgesprochene Voraussetzungen. Hier ist es die Interpretation,die "Bestandteil des eigentlichen Mechanismus seiner Erzeugung sein muß"3.  Hypertexte "benötigen einen Interpreten, der ihm dazu verhilft, zu funktionieren". Erst durch das Ergänzen und Interpretieren erhält der Hypertext einen "Mehrwert an Sinn". Leerstellen sind laut Isers "Theorie der kooperativen Interpretation", "Appelle" aktiv zu werden, "Scharniere"4  der Darstellungsperspektive. Diese Funktion kann auf die Links im Hypertext übertragen werden. Der Leser wird angeregt, diese "Leerstellen" zu schließen, wobei eine Vielzahl von Anschlußmöglichkeiten existiert. Hier gilt es "abduktiv Hypothesen aufzustellen, um Selektions-und Kombinationsmöglichkeiten auszuprobieren."Nach Wirth geht die Aufgabe des Lesers noch darüber hinaus, da Literatur im Internet häufig in Form eines "Kollektivromans" auftritt. Das bedeutet der Leser selbst wirkt bei der Zusammensetzung und Gestaltung des Textcorpus mit. Der Leser übernimmt damit die Rolle des CoAutors und relativiert damit die "kohärenzstiftende Funktion des Autors". Im Rahmen von Internet-Romanen wie z.B. "Spielzeugland", spricht man daher nicht länger von einem Autor, sondern von einem Herausgeber, die letztendlich, als übergeordnete Instanz, darüber entscheidet,"wer an welcher Stelle spricht". Wirth weist an dieser Stelle auf ein entstehendes Spannungsverhältnis hin: "Auf der einen Seite die interne Kohärenz des Textes. Auf der anderen Seite die Freiheit des Lesers, der zugleich CoAutor ist und so durch sein individuelles Zusammenlesen Kohärenz stiftet. Die Frage nach dem Autor transformiert sich in die Frage nach einer überpersönlichen Autor-bzw. Herausgeberstrategie, die den Hypertext organisiert. Ohne diese diskursive Ordnung ist der Hypertext nicht interpretierbar." Die Herausgeberstrategie schafft demnach eine "interne Kohärenz des Textes", die eine Interpretation ästhetischer Texte laut Eco erst möglich macht, da der "Interpretationsprozeß keine führungslose Abdrift, sondern gleich einer Pendelbewegung zwischen der Offenheit der Rezeptionsmöglichkeiten und der Geschlossenheit bzw. Bestimmtheit des Werkes durch seine Struktur ist." 5 

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Wirth unterscheidet zwei Formen von "Offenen Texten":

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Ergebnis:

Wirth ist der Meinung, daß ein Leser von Hypertexten die Fähigkeit erlangen sollte, zwischen den Rollen des abduktiven Detektiven und des surfenden Dandys wechseln zu können, da erst die Interaktion zwischen beiden Perspektiven eine kreative Nutzung ermögliche. Er sieht den Leser in der Rolle des Don Isidro Parodi. Parodi ist der Held in Borges Detektivgeschichten, der sich dadurch auszeichnet, daß er scheinbar irrelevante, rationell nicht nachvollziehbare Informationen verarbeitet, um seine Fälle zu lösen. Eco schreibt dazu in "Abduktion in Uqbar", daß "Parodi, um im Universum der irrelevanten Geschwätzigkeit lesen zu können, einen Spürsinn fürs Irrelevante und Inkohärente." Diese Eigenschaft mache die Erzählung zu "ironischen Spiegelbildern" richtiger Detektivgeschichten9.  Seine Abduktionen und Konjekturen gelingen, weil die Unordnung und Zusammenhanglosigkeit seiner Ideen mit der Unordnung und Zusammenhanglosigkeit der Dinge zusammentrifft.Der hypertextuelle Leser muß demnach, so Wirth, "seine abduktive Kompetenz als geistigen Kompaß im rhizomatischen Labyrinth der Diskurse nutzen."Abschließend schließt er sich Borges Meinung an, daß die rhizomatische Bibliothek, nicht als wörtliche zu nehmende Metapher zu verstehen, und damit die "Befreiung hierarchischen Denkens durch rhizomatischen Strukturen", wie z.T. prophezeit, skeptisch zu betrachten sei.Internet-Literatur muß, angelehnt an McLuhans Schlagwort "das Medium ist die Botschaft", verstanden werden. Die Beschaffenheit des Mediums birgt selbst schon bestimmte Informationen in sich.

 

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Die Ausführungen Wirths haben deutlich gemacht, daß die sich verändernden Medien ein hohes Maß an Komplexität mit sich bringen. Durch die Struktur der Neuen Medien, in diesem Fall das Internet, nimmt die Unübersichtlichkeit zu. Das Lesen und Interpretieren nimmt neue Formen annehmen, da bislang bewährte Instrumente nicht ausreichen, um hypertextuelle Literatur zu rezipieren. Der mediale Ort besitzt die Möglichkeit der Rezeptionssteuerung. Der Text wird ersetzt durch einen Textprozeß (P.Schmidt 1972).Nach dem "Ende des Durchblicks" könnte eine Aufgabe der Didaktik darin bestehen, auf die Andersartigkeit vorzubereiten, dahingehend, daß trotz der Komplexität nicht nur Desorientierung als Ergebnis von Interpretation übrigbleibt. Bildung sollte sensibilisieren für die "Unordnung der Dinge", so daß Didaktik mehr ist als der Versuch einer "Transformation von Inhalten zu Unterrichtsgegensständen"(Kaiser/Kaiser 1989,239).