Radikaler Konstruktivismus

(von Xenia Zenner)


Inhalt

1. Grundannahmen des Radikalen Konstruktivismus
2. Autopoietische Systeme
3. Wahrnehmung
4. Kommunikation und Sprache
5. Literatur


1. Grundannahmen des Radikalen Konstruktivismus

Radikale Konstruktivisten fragen danach, wie Erkenntnis funktioniert. Untersucht werden Erkenntnisvorgang, die Wirkung und das Resultat.

Abb.1: "Zeichnende Hände" von M. C. Escher

"Wenn wir, um das Instrument einer Analyse analysieren zu können, eben dasselbe als Instrument benutzen müssen, so bereitet uns die dabei entstehende Zirkularität ein schwindelerregendes Gefühl. Es ist, als verlangten wir, daß das Auge sich selbst sieht. In (...) einem Bild des holländischen Malers M. C. Escher ist dieses Schwindelgefühl besonders deutlich durch die Hände zum Ausdruck gebracht, die sich gegenseitig so zeichnen, daß es unmöglich ist zu wissen, wo die Grundlage des gesamten Prozesses liegt, das heißt, welche die 'wirkliche' Hand ist." (Maturana/Varela 1987, 29f)

Um die erkenntnistheoretische Grundauffassung der Konstruktivisten auf den Punkt zu bringen, habe ich folgende Zitate ausgewählt: "Welt ist Welt, wie wir sie sehen, sie ist Erfahrungswirklichkeit." (Schmidt 1987, 18) "Es gibt keine 'objektive' Welt oder 'Wirklichkeit' unabhängig von einem konkreten lebenden System." (Köck 1987, 363) "(...) macht man sich klar, daß unser Erleben von 'Weltartigem' so etwas wie ein Trick der selbstreferentiellen Organisation unserer Nervensysteme, eine 'Betriebsmodalität' menschlicher kognitiver Systeme im Prozeß ihrer Autopoiese ist, dann wird deutlich werden, daß wir nicht eigentlich in der Welt leben, die wir wahrnehmen und mit deren Elementen wir 'umgehen', sondern mit und mittels der durch unsere Kognition geleisteten Erzeugung von Welt unsere Existenz aufrechtzuerhalten und die Modalität unserer Autopoiese zu verbessern suchen. In diesem Sinne sind alle Wahrnehmungen, Wissensbestände, Denkarten (z.B. der radikale Konstruktivismus) und alle kulturellen Lebensformen Instrumente bzw. Strategien im Prozeß der menschlichen Autopoiese" (Rusch 1986, 45f).

Diese erkenntnistheoretischen Grundannahmen stehen in Abgrenzung zu der Auffassung, daß das was wir wahrnehmen ein Abbild der "Wirklichkeit", der "objektiven" Welt ist. Wie es zu dieser Auffassung kommt, werde ich in den Abschnitten 2, 3 und 4 unter verschiedenen Aspekten noch etwas verdeutlichen.

<Inhalt>


2. Autopoietische Systeme

Maturana/Varela beschreiben den einheitlichen Charakter von lebenden Systemen anhand ihrer Organisation, nämlich der Autopoiese. Autopoiese bedeutet für lebende Systeme auf der einen Seite eine strenge Autonomie, auf der anderen Seite betont dieses Konzept die Intensität und das Maß der Verflechtung zwischen lebenden Systemen und ihrer Umwelt.

Die Organisation autopoietischer Systeme bildet einen geschlossenen Zyklus von Interaktionen, die Struktur hingegen ist plastisch und kann sich ständig wandeln. Aufgrund dieser zirkulären Organisation arbeitet ein lebendes System induktiv und konservativ, d.h. Operationen, die funktionieren, werden wiederholt. "Durch die Organisation des lebenden Systems wird implizit die Umwelt(= Nische) bestimmt, mit der das System interagieren kann. Die so vorausgesagte Nische, definierbar als Bereich von Klassen von Interaktionen, stellt die vollständige kognitive Realität des Systems dar." (Schmidt, 23). Lebende Systeme werden durch Einflüsse aus ihrer Umwelt "deformiert", was heißen soll, daß eine Art Ungleichgewicht erzeugt wird, auf das ein Verhalten des Systems folgen muß, damit wieder ein Gleichgewicht hergestellt wird. Strukturelle Koppelung: Autopoietische Systeme sind strukturdeterminiert, d.h. sie sind mit dem Medium und anderen lebenden Systemen in Interaktionen strukturell gekoppelt. Durch diese Koppelung mit der jeweiligen Umwelt ist auch die Deformation der Struktur (Plastizität) zu erklären.

Zusammenfassung: Autopoietische Systeme sind · zirkulär organisiert · organisationell geschlossen (informationsdicht) und strukturdeterminiert · selbstreferentiell · strukturell gekoppelt mit dem Medium und anderen Organismen · induktiv und konservativ operierend

Autopoietische Systeme mit Nervensystem: Wenn lebende Systeme ein Nervensystem ausgebildet haben, können sie sich auch intern deformieren. Das Nervensystem ermöglicht Interaktionen, die auf sog. reinen Relationen beruhen, d.h. die nicht durch physikalische Ereignisse der Umwelt entstehen. "Dadurch können Organismen mit eigenen internen Zuständen so interagieren, als ob diese von ihnen unabhängige Gegenstände wären ..." (Schmidt, 23) Das Nervensystem hat die Aufgabe, Verhalten bzw. Interaktionen zu bilden, die das weitere Funktionieren des Organismus gewährleisten. Maturana vergleicht Verhalten und Erkennen mit "... einem Instrumentenflug, bei dem die Effektoren (Motoren, Klappen usw.) ihren Zustand verändern, um die Werte der Meßinstrumente konstant zu halten oder zu verändern, entsprechend einer genau angegebenen Variationssequenz, die entweder festgelegt ist (durch Evolution spezifiziert) oder während des Fluges aufgrund des Flugzustandes verändert werden kann (Lernen)" (Maturana zit. nach Schmidt, 24). Oft werden kognitive Systeme mit einem Computer verglichen; gerade hier liegen aber nach Maturana/Varela wichtige Unterschiede: Lebende Systeme haben keinen informationellen Input und Output, sondern das System erzeugt seine Informationen selbst in Rekursion auf Vorhandenes. Lebende Systeme sind also energetisch offen, aber informationell geschlossen. (Maturana/Varela, 185) Die Bildung eines Nervensystems ist von besonderer Bedeutung für Wahrnehmung und Kommunikation, insbesondere wenn man dies bei Menschen betrachtet (s. Abschnitt 3 und 4).

<Inhalt>

3. Wahrnehmung

In der herkömmlichen Neurophysiologie wird Wahrnehmung so verstanden, daß "die Welt" durch die Sinnesorgane aufgenommen wird, dann ins Gehirn gelangt und dort für uns ein mehr oder weniger getreues Abbild dieser "Wirklichkeit" entsteht.

Abb.2: aus Maturana/Varela, S. 144 (nach F. Kahn. "El hombre", Bd. II, Buenos Aires 1944, S. 235)

Vertreter des RK gehen von einem anderen Standpunkt aus, und zwar vom Gehirn. Eine wichtige Grundannahme ist dabei, daß das Gehirn nicht als umweltoffenes Reflexsystem gesehen wird, sondern als funktional geschlossenes System. Das bedeutet, daß Umwelt keinen direkten Einfluß hat auf das, was im Gehirn vor sich geht. Wie kann man sich diesen Vorgang der Wahrnehmung nun vorstellen im Vergleich zum herkömmlichen Modell?

UMWELTEINFLÜSSE: Alles, was außerhalb von unserem Gehirn liegt, könnte man als das "Original" bezeichnen. SINNESREZEPTOREN: Diese werden durch die Umwelteinflüsse in ihren elektrischen Eigenschaften verändert. Sie arbeiten bereichsspezifisch. NERVENSYSTEM: Die Sinnesrezeptoren geben elektrische Impulse an das Nervensystem weiter, "(...) d.h. sie übersetzen Ereignisse, die dem Nervensystem als einem geschlossenen System unzugänglich sind, in dessen 'Sprache'." (Schmidt, 14).

Diese Sprache des Nervensystems ist bedeutungsneutral - oder wie Heinz von Foerster dies beschreiben würde: die Sprache des Nervensystems kennt nur das Wort "Klick". Prinzip der undifferenzierten Kodierung: "Die Erregungszustände einer Nervenzelle codieren nur die Intensität, aber nicht die Natur der Erregungsursache. (Codiert wird nur: 'So-und-so viel an dieser Stelle meines Körpers' aber nicht 'was'.)" (v. Foerster 1984, 138) Das "Original" geht in dieser "Klick"-Sprache verloren. Was wir wahrnehmen, ist also eine Interpretation, eine Bedeutungszuweisung unseres Gehirns aus sich heraus. Das Gehirn ist ein selbstreferentielles und selbstexplikatives System, d.h. "Alle Bewertungs- und Deutungskriterien muß das Gehirn aus sich selbst entwickeln." (Schmidt, 15)

Unterscheidung zwischen realem Gehirn und kognitiver Welt: "Der reale Organismus besitzt ein Gehirn, das eine kognitive Welt erzeugt, eine Wirklichkeit, die aus Welt, Körper und Subjekt besteht, und zwar in der Weise, daß dieses Subjekt sich diese Welt und diesen Körper zuordnet. Dieses kognitive Subjekt ist natürlich nicht der Schöpfer der kognitiven Welt, dieser Schöpfer ist das reale Gehirn, es ist vielmehr eine Art 'Objekt' der Wahrnehmung, es erfährt und erleidet Wahrnehmung. Das reale Gehirn ist in der kognitiven Welt ebensowenig gegeben wie die Realität selbst und der reale Organismus." (Roth zit. nach Schmidt, 15)

<Inhalt>

4. Kommunikation und Sprache

In Abb. 2 findet man eine Vorstellung von Sprache, die eine Schnittmenge zwischen "objektiver" Welt und deren Abbildung in unserem kognitiven System darstellt. Danach nehmen wir Informationen aus unserer Umwelt auf, die dann in der Sprache abgebildet werden. Entsprechend wäre Kommunikation der Transport einer Information von einer Stelle zu einer anderen über eine Leitung oder Röhre. Es ist leicht vorzustellen, daß Konstruktivisten diese Vorstellung nicht teilen: Bei einer solchen Interaktion (Kommunikation) wird das "angesprochene" System nicht durch seine Struktur, sondern durch das "ansprechende" System determiniert. "Dabei ist doch selbst im Alltag offensichtlich, daß Kommunikation so nicht stattfindet: Jede Person sagt, was sie sagt, und hört, was sie hört, gemäß ihrer eigenen Strukturdeterminiertheit; daß etwas gesagt wird, garantiert nicht, daß es auch gehört wird. Aus der Perspektive eines Beobachters gibt es in einer kommunikativen Interaktion immer Mehrdeutigkeit. Das Phänomen der Kommunikation hängt nicht von dem ab, was übermittelt wird, sondern von dem, was im Empfänger geschieht. Und dies hat wenig zu tun mit 'übertragener Information'." (Maturana/Varela, 212)

Kommunikation ist eine spezifische Art der Interaktion, die aus der strukturellen Koppelung zwischen autopoietischen Systemen entsteht (soziale Koppelung). Man könnte Kommunikation als eine Interaktion charakteresieren, die mit Zeichen belegt wird und dann wiederum als Interaktion fungiert (in meinen Worten - bitte mit ganz fetten Anführungszeichen zu lesen! Maturana/Varela benutzen hierfür die Bezeichnungen "Beschreibung erster/ zweiter Ordnung", zu finden auf den Seiten 221ff.) Wie schon erwähnt, dient jedes Verhalten, jede Interaktion, eines autopoietischen Systems der Aufrechterhaltung der Autopoiese. In Bezug auf autopoietische Systeme ist wichtig, daß diese Zeichen ihre Bedeutung nur durch das jeweilige System, das sie "äußert" als Verhalten, erlangen. Aus der Sicht eines an einer Kommunikation beteiligten "Systems 1" ist das kommunikative Verhalten des "Systems 2" gleichbedeutend mit einem Ereignis in der Umwelt, wodurch "System 1" deformiert wird und dessen Nervensystem dementsprechend Verhalten bildet. Kommunikation ist nur dann möglich, wenn die beteiligten Organismen einen Konsens bilden, und zwar daß ihr Verhalten die Aufrechterhaltung ihrer Autopoiese zum Ziel hat.

Der Optimalfall von Kommunikation wäre durch ein Röhrenmodell beschrieben und tritt nur in hochgradig routinisierten Situationen auf. "Der Normalfall ist vielmehr stets der, daß 'Intention' seitens des Senders von Zeichen und 'Verstehen' seitens ihres Empfängers beträchtlich voneinander abweichen (...)" (Köck, 367f). Und hierzu - weil es wichtig ist - noch ein Zitat von Köck: "Schließlich betone ich nochmals - und man muß es bis zum Überdruß betonen -, daß in den meisten Fällen kommunikativer Interaktion zwischen Menschen die Vermittlung des 'Gemeinten' nur teilweise, fragmentarisch oder modifiziert 'gelingt', daß dies kaum prüfbar ist und daß daher kommunikative Äußerungen eher als Stimuli (oder 'Turbulenzen') im Interaktionsbereich des Adressaten angesehen werden müssen, die entsprechend dem gegebenen Zustand desselben zu bestimmten individuendeterminierten Transformationen führen, die nur wenig oder gar nichts mit der originalen 'Botschaft' bzw. dem 'Intendierten' seitens des 'Senders' oder Beobachters gemeinsam haben!" (Köck, 370).

Um noch einmal zu den Grundannahmen zurückzukommen - etwas abgewandelt bezogen auf Kommunikation, könnte man sagen: Ich kann nicht wahrnehmen, was jemand objektiv sagt (oder sogar von dem, was jemand sagt auf dessen Gedanken schließen), sondern ich höre, was ich mir konstruiere.

<Inhalt>

5. Literatur

· Heinz von FOERSTER: Erkenntnistheorien und Selbstorganisation. In: Schmidt, Siegfried J. (Hg.): Der Diskurs des Radikalen Konstruktivismus. Frankfurt/Main 1984, S. 133-158.

· Wolfram K. KÖCK: Kognition - Semantik - Kommunikation. In: Schmidt, Siegfried J. (Hg.): Der Diskurs des Radikalen Konstruktivismus. Frankfurt/Main 1984, S. 340-373.

· Humberto R. MATURANA / Francisco J. VARELA: Der Baum der Erkenntnis. Bern/München 1984.

· Gebhard RUSCH: Verstehen verstehen - Ein Versuch aus konstruktivistischer Sicht. In: Luhmann, N. / Schorr, K. E. (Hg.): Zwischen Intransparenz und Verstehen. Frankfurt/Main 1986, S. 40-71.

· Siegfried J. SCHMIDT: Der Radikale Konstruktivismus: Ein neues Paradigma im interdisziplinären Diskurs. In ders. (Hg.): Der Diskurs des Radikalen Konstruktivismus. Frankfurt/Main 1984, S. 7-88.

<Inhalt>


Einstiegsseite