Lacan bezeichnet mit Suture eine

Pseudo-Identifikation, eine nur täuschende,

eine erlogene, eine scheinhafte Identifikation.

Identifikation ist eine Abwehrmechanismus, zur

Abwehr von Fremdheit, ein Schutzmechanismus. Es

wird etwas identisch gemacht, wovon man

zunächst noch nichts Genaueres weiß.

Identifikation hat ihr Vorbild in der Aufnahme

von Nahrung, beim Verschlingen, dem Aneignen,

dem Zueigenmachen von außerhalb des Körpers

Seiendem. Das Fremde wird identifiziert. Es

wird ent-fremdet. Oder es wird etwas gesehen

als real vorhanden, wo zunächst nichts von

Bedeutung ist. Das verweist auf den

grundsätzlich halluzinatorischen Zug der

Wahrnehmung.

Die von Lacan so genannte Pseudo-Identifikation

liegt also zwischen der imaginären des

Spiegelstadiums und der symbolischen mit dem

Vater oder später mit dem Signifikant.

(Pazzini 1997, 139)

Suture wird zunächst als anatomische,

botanische, medizinische Metapher im

Französischen benutzt. Das zugrundeliegende

Bild ist eine nicht ganz feste, zumindest nicht

ganz schlüssige Verbindung, die mittels eines

Fadens hergestellt wird, der mit einer Nadel

geführt wurde. Die Konnotation geht bis zur vom

Nähen hinterlassenen Spur, der Naht, und im

anatomischen bis zur Narbe. Suture ist räumlich

und zeitlich dimensioniert. Das Nähen selber

wird mitgedacht und, daß vor dem Nähen etwas

aufklaffte, ein Loch da war, zwei getrennte

Seiten. Diese werden nicht restlos oder spurlos

geschlossen. Mehr noch: Um die Naht, eine

Verbindung, herzustellen, werden neue Löcher

gestochen, um einen Haltepunkt für die

Überbrückung zur anderen Seite mittels eines

Fadens zu schaffen, der das Loch zusammenzieht.

 

Das Subjekt entsteht aus einer Spaltung, dessen

Überwindungsversuch das Bewußtsein aufscheinen

läßt als Differenz von Vorstellung und

aktuellem durch Sprache formulierten Zustand.

Es geht dann um den immer wieder neuen Versuch,

beide "Seiten" zu vernähen aus der Not einer

Öffnung, eines Loches, eines Fehlens, das sich

nicht von selber schließt zur Ganzheit. Es wird

etwa durch Bilder zusammengehalten, die bei

ihrer Einbindung kleinere Perforationen setzen,

über einen Faden von Signifikanten, die ihre

Wirkung im Realen tun, nämlich den Körper

angreifen, Gefühle entstehen lassen. Der Faden

geht durch und durch. Das Subjekt wird von den

Signifikanten gekreuzt und so in Existenz

gesetzt.

(Pazzini 1997, 138f)