Torsten Meyer, Hamburg

Visible Human. Der Betrachter macht die Bilder

Es ist vielleicht keine spezifisch kunstpädagogische Fragestellung, was für ein Bild der Mensch sich von seinem Selbst macht. Aber sie ist grundlegend für jegliche Bildungstätigkeit.
In den vergangenen drei Jahrhunderten hat sich diesbezüglich – vielleicht größtenteils unbemerkt – etwas wesentliches verändert, das zu einer Krise im bildungstheoretischen Diskurs geführt hat. Vielleicht ist auch das größtenteils unbemerkt geblieben. Aber das heißt nicht, dass es irrelevant wäre.

Ausgehend von einem kleinen wahrnehmungsphysiologischen Experiment sollen die folgenden Fragmente aus ganz verschiedenen Diskursen einige Zusammenhänge verdeutlichen, die zeigen, dass gerade die pädagogisch motivierte Auseinandersetzung mit Kunst zu diesem Problem einiges beitragen kann.

Experiment "Sehen"

 

 

Schließen Sie das rechte Auge.
Fokussieren Sie mit dem linken die Kreuzung der Sehnerven auf dem Bild rechts aus einem Abstand von ca. 25 Zentimetern. Achten Sie, ohne es zu fokussieren, auf das Bild des Auges links. Variieren Sie den Abstand zum Papier bis das Auge verschwindet. Halten Sie die Position.
Wackeln Sie nun, während Sie weiterhin auf das Auge achten (ohne es zu fokussieren), mit dem Kopf vor und zurück: Fort* - da* - fort* - da* - fort* - da* ...

Fort-Da

Sigmund Freud beschrieb um 1920 ein Verhalten, das er an seinem eineinhalbjährigen Enkelkind beobachtet hatte, als "Fort-Da-Spiel":

»Das Kind hatte eine Holzspule, die mit einem Bindfaden umwickelt war. Es fiel ihm nie ein, sie zum Beispiel am Boden hinter sich herzuziehen, also Wagen damit zu spielen, sondern warf die am Faden gehaltene Spule mit großem Geschick über den Rand seines verhängten Bettchens, so daß sie darin verschwand, sagte dazu sein bedeutungsvolles o-o-o-o und zog dann die Spule am Faden wieder aus dem Bett heraus, begrüßte aber deren Erscheinen jetzt mit einem freudigen "Da". Das war also das komplette Spiel, Verschwinden und Wiederkommen, wovon man zumeist nur den ersten Akt zu sehen bekam, und dieser wurde für sich allein unermüdlich als Spiel wiederholt, obwohl die größere Lust unzweifelhaft dem zweiten Akt anhing.«(1)

Im Rahmen seiner Re-Lektüre Freuds sah Jacques Lacan in diesem Spiel die Grundlegung eines "symbolischen Universums", das für das heranwachsende Kind fortan die Ordnung der Dinge bestimmt. Erst das Symbol als Stellvertreter eines nicht anwesenden Dings ermöglicht die "Dauer des Begriffs" und damit die Existenz der Holzspule – auch dann, wenn sie, weil im Bettchen verschwunden, nicht sichtbar oder nicht anwesend ist. Die Freudsche Beobachtung des kindlichen Spiels gewinnt bei Lacan eine kaum zu ermessende Tragweite:

»Aus der Modulation des Begriffspaars von Anwesenheit und Abwesenheit (...) entsteht das Universum des Sinns einer Sprache, in dem sich das Universum der Dinge einrichtet.«(2)

Blinder Fleck

Dass das Auge im obigen Experimet verschwindet, läßt sich relativ leicht erklären: Die Netzhaut des menschlichen Auges weist nahe dem Zentrum ein winziges Loch auf. Durch dieses Loch tritt der Sehnerv hinter dem Auge aus. An dieser Stelle fehlen die Sehzellen, es ist hier keine Lichtempfindung möglich: Man sieht dort nicht. Aber das kann man nicht sehen.
Dass man nicht sehen kann, dass man dort nicht sieht, dafür sorgt das Gehirn. Es verrechnet die Signale der Sehnerven beider Augen zu einem einzigen "Bild". Das Gehirn kann man überlisten, indem man ein Auge schließt. Es gibt einen Unterschied zwischen nicht sehen und Nichts sehen. Diesen Unterschied "macht" das Gehirn – nach aktueller Lösung des Leib-Seele-Problems also Sie "selbst".
Der blinde Fleck, nach seinem Entdecker auch Mariotte-Fleck genannt, kann als konstruktionsbedingte Notwendigkeit angesehen werden. Im engeren Sinn sehen wir nicht mit den Augen, sondern mit dem visuellen Kortex. Die Verbindung zwischen Auge und Gehirn erfolgt über die Sehnerven. Das "Gesehene" (oder "zu Sehende"?) muß also aus dem Auge heraus. Dazu bedarf es eines Lochs.

Visible Human

Das Bild der Sehnervkreuzung ist der Schnitt Nr. 1107 des "Visible Human Project". Um das Bild zu erzeugen, wurde der zum Tode verurteilte Mörder Joseph Paul Jernigan nach seiner Hinrichtung tiefgefroren, abgehobelt und schichtweise photographiert. Ziel des von der amerikanischen National Library of Medicine initiierten Projektes war es, »to produce a system of knowledge structures that will transparently link visual knowledge forms to symbolic knowledge formats«(3) .
Im Internet liegen seit 1994 farbige Scans dieser Schichtphotographien vor. Bei der Betrachtung dieser Menschenbilder fällt es schwer, an Selbsterfahrung zu denken. Wir sind das so nicht gewohnt. Vielleicht ebenso, wie wir es nicht gewohnt sind, mit einem blinden Fleck auf der Netzhaut unserer Augen zu rechnen.

Das andere Bild symbolisiert das Auge Gottes. Ich habe es einem Stich aus dem "orbis sensualium pictus" von Johann Amos Comenius entnommen. Das Bild dient dort zur Veranschaulichung der "Vorsehung Gottes". Comenius schreibt dazu:

»Das menschliche Gluckwesen ist nit zuzuschreiben dem Glück oder dem Zufall oder den Stern-Einflüssen, sondern Gottes allsehendem Aug [2] und dessen allregirender Hand [3]«(4)

Der Mensch [5], so will Comenius uns verdeutlichen, ist immer im Blick des Gottes [2], er ist der Gesehene, der visible human. Für das Bild des Menschen gab es somit immer eine Referenz, ein Vor-Bild. Das ist bei Comenius immer vorausgesetzt. Auch und vor allem in seinen theoretischen Schriften zur Pädagogik. Comenius ging in der Formulierung seiner Erziehungsziele von der in der Genesis benannten›imago dei‹ aus (5). Der Mensch ist das Ebenbild des Gottes, er soll, so Comenius, »gründlich unterwiesen werden, nicht zum Schein oder Trug, sondern der Wahrheit gemäß. Auf diese Weise soll die ganze Menschheit dem Bilde Gottes, zu dem sie ja erschaffen ist, so ähnlich wie möglich gemacht werden«(6) .

Referenz

Diese Referenz muß als – im engsten Sinne des Wortes – grundlegend für das Comenianische Welt- und Menschenbild angesehen werden. Der Pädagoge, den ich metaphorisch in der mit [4] gekennzeichneten Person verorte, hat immer den Gott im Blick, wenn er sich dem Menschen zuwendet. Die meisten Väter der modernen Pädagogik waren im Hauptberuf Theologen.
Im Gegensatz dazu ist aus dem modernen Bildungsdenken diese früher mitgedachte, aber dem Menschen unverfügbare Bedingung von Bildung ersatzlos gestrichen. Darum kann heute kaum noch jemand sagen, was die Frage war, auf die Bildung noch immer die Antwort sein soll. Das Fehlen dieser Bedingung führt, wie Michael Wimmer attestiert, zu Problemen, »weil Bildung eben nicht als ein rein auf sich selbst gestützter Prozeß verstanden werden kann, in dem das Subjekt aus sich selbst heraus sein Selbst bildet.«(7)
Es fragt sich demzufolge, was heute, 100 Jahre nach dem von Nietzsche attestierten Tod Gottes, die Funktion jener Referenz ausfüllt, die zu Zeiten des Comenius noch systematischen Stellenwert hatte. Oder, anders formuliert, mit den Worten Detlev B. Linkes:

»Die Frage ist, ob das klassische Urbildhafte des Menschen, nicht verloren geht, wenn er sich selber nun betrachtet und nicht mehr als den von Gott betrachteten ansieht.« (8)

Das Außen im Innen

Eine funktional vergleichbare Referenz steht im Fokus insbesondere der Conceptual Art. Sie thematisiert, was im Freudschen Fort-Da-Spiel bereits angelegt ist: das »Problem der Sprache, die das Außen nicht nur im Innen repräsentiert, sondern in ihrer Heteronomie das Außen im Innen ist«(9) .
Beispielhaft sei eine Arbeit Joseph Kosuths genannt: FIVE WORDS IN WHITE NEON erscheint auf den ersten Blick tautologisch. Der Titel bezeichnet das Werk. Das Werk bezeichnet seinen Titel, bezeichnet sich selbst. Immer im Kreis. Da ist (fast) nichts anderes als FIVE WORDS IN WHITE NEON.


Aber da ist nur fast nichts anderes als FIVE WORDS IN WHITE NEON. Eine kleine Einschränkung, die sich hier in Form ein paar herunterhängender Kabel und eines Transformators zeigt, war dem Fotographen offenbar so wichtig, dass er den Ausschnitt entsprechend gewählt hat. Man könnte sagen, es ist nur die Apparatur, die das Neon zum Leuchten bringt, technische Bedingung dafür, dass die Zeichen zeigen können. Kosuth zeigt damit, wie – vor allem aber: dass – die Zeichen zeigen. Indem er die Zeichen beim Zeigen zeigt, stellt er Darstellbarkeit dar, macht Sichtbarkeit sichtbar.
Damit wird ein weiterer "blinder Fleck" thematisiert, denn, so Heidegger, »eigentlich "erfaßt" wird das Zeichen gerade dann nicht, wenn wir es anstarren, als vorkommendes Zeigding feststellen. Selbst wenn wir der Zeigrichtung des Pfeils mit dem Blick folgen und auf etwas hinsehen, was innerhalb der Gegend vorhanden ist, in die der Pfeil zeigt, auch dann begegnet uns das Zeichen nicht eigentlich.«(10)
Es kann als weitere konstruktionsbedingte Notwendigkeit angesehen werden, dass die Neugeborenen ver-lernen, das Zeichen zu "erfassen", dass sie ver-lernen, den Zeigefinger zu fokussieren, der sie auf etwas aufmerksam machen will, dass sie lernen, der Zeigrichtung des Pfeils mit dem Blick zu folgen und das Zeichen zu übersehen. Das †ber-Sehen des Zeichens ist notwendige Bedingung dafür, dass Kommunikation möglich wird, dass die Sprache als Außen im Innen wirksam wird.
Kosuth betreibt eine Art Fort-Da-Spiel: fünf Worte in weißem Neon, die eine An-wesenheit herstellen, die auf einer Abwesenheit gründet – ganz wie im Falle der Freudschen Holzspule: "Fort" – die Abwesenheit selbst erhält einen Namen und generiert im Spiel des An- und Abwesenden das Wesen der Dinge.

»Es ist«, schreibt Lacan, »die Welt der Worte, die die Welt der Dinge schafft ..., indem sie ihrem Wesen konkretes Sein verleiht und ihrem Immerseienden überall seinen Platz zuweist ...« (11)

Das zu sehende muß erst aus dem Auge heraus, bevor es sichtbar werden kann. Deswegen das Loch. Deswegen die Worte.

Aufgabe zum Beispiel des Kunstunterrichtes könnte es sein, das Ver-lernen wieder zu vergegenwärtigen, aus dem Übersehen der Zeichen ein Übersehen zu machen. Das hieße, das Außen im Innen zu thematisieren, und das hieße im weiteren, den anderen, die anderen als Referenten des Selbst zu etablieren. So könnte, nebenbei bemerkt, ein wichtiger Beitrag zum derzeit vieldiskutierten "neuen pädagogischen Schlüsselbegriff ›Medienkompetenz‹" geleistet werden. Das wäre ein weiteres, gewichtiges Argument für das Fortbestehen des Faches in einem unsicher gewordenen Kanon.


(1) Freud, Sigmund (1920): Jenseits des Lustprinzips, in: Studienausgabe, hg. von Alexander Mitscherlich u.a., Frankfurt a.M.: Fischer, 10. Aufl. 1969 – 1975, Bd. 3, S. 213 – 272, 225
(2) Lacan, Jacques: Funktion und Feld des Sprechens und der Sprache in der Psychoanalyse, in: Ders.: Schriften, hg. von Haas, Norbert/Metzger, Hans-Joachim, Weinheim/Berlin: Quadriga 1996, Bd. 1, S. 71 – 170, 116f
(3) Vgl. die World-Wide-Web-Seiten der National Library of Medicine: http://www.nlm.nih.gov/research/visible/visible_human.html
(4) Comenius, Johann Amos (1658): Orbis sensualium pictus, Dortmund: Harenberg, 4. Aufl. 1991, 304
(5) Vgl.1. Mos. 1, 26
(6) Comenius, Johann Amos: Pampaedia - Allerziehung, hg. von Schaller, Klaus, St. Augustin: Academia 1991, 14
(7) Wimmer, Michael: Die Gabe der Bildung. Überlegungen zum Verhältnis von Singularität und Gerechtigkeit im Bildungsgedanken, in: Masschelein, Jan; Wimmer, Michael (Hg.): Alterität, Pluralität, Gerechtigkeit: Randgänge der Pädagogik, St. Augustin: Academia 1996, S. 127 – 162, 140
(8) Transkription eines Beitrags in Alexander Kluges "10 to 11", SAT 1, 1993
(9) Wimmer, ebd. 141
(10) Heidegger, Martin (1926): Sein und Zeit, Tübingen: Niemeyer 17. Aufl. 1993, 79
(11) Lacan , ebd., 117