Karl-Josef Pazzini

 

Der folgende Text ist zu kompliziert.

Der Text wurde von der Zeitschrift "E&W" für die Dezemberausgabe in Auftrag gegeben, wurde aber mit der Begründung, dass das "die Lehrer und die anderen Abonnenten" nicht verstehen, nicht gedruckt.


Forschen, Denken, Lesen, Schreiben, Rechnen, Lehren, eigentlich alle Aktivitäten brauchen begleitende Imaginationen. Sie öffnen Kombinationsmöglichkeiten, verschließen andere. Vorstellungen, Phantasien, Meinungen, notwendige Vor“urteile“, insbesondere die, die sich auf Sichtbarkeit stützen, haben eine aggressive Tendenz zur Schließung, zum Totalitären – politisch gefährlich.
Da wir aber ohne nicht auskommen, müssen imaginäre Potentiale und ästhetische Urteile dauernd beforscht werden, weil diese auch in andere Handlungen eingehen, diese ermöglichen und begleiten. Das geschieht ganz wesentlich in den Künsten. Und dies sollte auch in der Schule vorkommen.
Manche Einbildungen, bestimmte Sorten von Bildern, gefährden momentan die Lebendigkeit europäischer Weiterentwicklung, z.B. die, die davon ausgehen, dass es doch irgendwo jemanden geben müsse, der für uns sorgt, obwohl Gott totgesagt ist. Oder es entsteht eine Wagenburgmentalität. Oder Bilder von einem harmonischen, spannungsfreien Nebeneinander und Ineinander (von der Sexualität bis zu den unterschiedlichen Kulturen), Bilder kindlicher Allmachtsphantasien, die etwa dazu führen, gegen das Haus zu treten, wenn man mit einem Dreirad um die Ecke fährt und das eine Hinterrad an der Hausecke hängen bleibt.
Wir brauchen Forschung nicht nur in der Form der Entwicklung neuer technischer Verfahren und Produkte, die unter den Bedingungen globaler Märkte funktionieren. Sondern gerade um diese wahrscheinlicher zu machen, braucht es auch Forschung, die die individuelle Wahrnehmungsmöglichkeit unter die Lupe nimmt und im Prozess der Forschung selber differenziert.
Forschung – auch im Alltag als Neugier – ist angewiesen auf Öffnung, auf ungewöhnliche Kombinationen. Es bedarf begleitenden Vorstellungen, die öffnen und einen Halt bieten. Woher nehmen?

Kunst, so zeigt die Erfahrung, öffnet und zerstört Einbildungen. Denn oft stimmt Kunst nicht mit den normalisierten Einbildungen und abgelagerten Identifikationen überein. Kunst greift direkt auf solche Einbildungen zu. In den Wissenschaften hingegen ist das nur ein beilaufender, nicht direkt thematisierter Strom. Thematisierung aber produziert Widerstand auf Seiten der Normalität (wegen der zugemuteten Änderungen, wegen der „Unverständlichkeit“), aber auch auf Seiten der Forschenden und der Rezipienten.
Kunst (in der Produktion wie in der Rezeption) kann das Ich in Schwingungen versetzen. „Ich“ gerät ins Gleiten. Wenn man dies still stellen will, muss man entweder dumm oder stark werden. (Beides ist in den gegenwärtigen Reformen des Bildungswesens angelegt.) Es soll Content angeeignet werden, vorher modularisiert. Wissen wird substanziell verstanden, wie zu Zeiten des Nürnberger Trichters. Dieses Wissen (innovativ, versteht sich) zu produzieren ist Ziel der Forschung, es besser zu vermitteln ist Aufgabe von Didaktik (als Gleitmittel und bunte Verführung), die verhelfen soll sich auch ohne Begehren und Lust Zugang zur nächsten Generation zu verschaffen (Eigentlich ist das Kindesmisshandlung). Gerade nach PISA geistern durch pädagogische Diskussionen Vorstellungen von Beherrschung und Bemeisterung verbor-gen unter Bezeichnungen wie Kompetenz, Qualifikation, Evaluation, Effektivierung und Praxisbezug.
Unser „Ich“, also wir alle, sind ausgezeichnet durch eine Drift zur Wiederholung. „Ich“ ist auf Bekanntes angewiesen, draußen und drinnen, sonst wird es schnell konfus. Es neigt dabei zu Wiederholungen, die wenig produktiv sind, die alltagssprachlich als Faulheit und Dummheit bezeichnen werden.
Mit solchen Wiederholungen konfrontiert Kunst gerade dann, wenn sie irritiert, sie macht deutlich, dass selbst das Sensorium, die Wahrnehmung auf der Suche nach der Realitätsprüfung so angelegt ist, dass etwas wieder gefunden werden soll, dass einmal nützlich, sinnvoll, genuss-reich, angenehm gewesen ist. Wahrnehmung findet das Gewünschte notfalls dort, wo nichts dergleichen wahrzunehmen ist (Halluzination). Dieser Leerlauf der Gewohnheit (manche modularisierte Curricula könnte man auch als Leerlauf der Gewohnheit bezeichnen) führt zu Sinnverlust und selten von selbst zur Chance der Bildung neuer Einstellungen.
Kunst forscht an dieser Grenze der Einbildungen von Autonomie, kippt mal in die Nabelschau, verunglückt oder kritisiert die im Kapitalismus versprochene Möglichkeit absoluter Selbstverwirklichung durch permanente Innovation – oft durch Übertreibung: dauernd was Neues.
Forschung in der Kunst ist aber vielleicht die Suche nach Bleibendem durch dauernde Veränderung, ein Paradox. Eine Art subversiver Stabilität. Ebenso befasst sich künstlerische Forschung mit einer Kritik der Ideologie des Glücks (eine Thematik, die in wissenschaftlicher Forschung, zumal in naturwissenschaftlicher) nicht vorkommt, aber den Alltag prägt. Hier steht Kunst wiederum auf der Kippe, zwischen dem weinerlichen Betonen von Leiden am Körper, der Sexualität etc. und dem Beharren auf dem Vorschein anderer Glücksmöglichkeiten als den konsumistischen.
Die Befassung mit Bildender Kunst in pädagogischen Aktionen bringt zur Auseinandersetzung mit Arbeiten, die die Grenze des Darstellbaren markieren und überschreiten. Bildung ist die gelebte Darstellung von Forschungsergebnissen im Lebenskontext.
Kunstvermittlung ist Anwendung von Forschung aus der Kunst, zumindest die Anregung dazu. Damit dies gelingt und indem dies gelingt, wird das „Ich“, jenes festgefahrene, mit den Träumen von Autarkie und Selbstverwirklichung, der Ich-AG, geöffnet hin auf ein vielleicht starkes soziales Band.
Forschungsergebnisse aus der Kunst existieren nicht als fertige Substanz, sondern werden wirksam erst in Beziehungen. Sie finden statt in einem intermediären Raum, zwischen Medien und durch Medien. Sie entstehen in einem Prozess der Übersetzung. Die sedimentierten Werke oder die Kristallisationsformen künstlerischer Arbeit brauchen, der Partitur ähnlich, eine Aufführung, Performance. So wird die Wahrscheinlichkeit für Bildung erhöht. Mehr kann man nicht tun. Bildung kann man nicht intentional herbeiführen. Auch dazu führt die pädagogisch inspirierte Beschäftigung mit Kunst. Sie konfrontiert höchst anregend mit der Grenze der Lehr- und Lernbarkeit – und dann macht es wieder Spaß, dazu noch mit der Nichtplanbarkeit und Beherrschbarkeit von Menschen. So gesehen wäre die Befassung mit Kunst gleichzeitig ein ethisches Übungsfeld, gerade trotz und durch die Amoralität mancher Kunst.