Karl-Josef Pazzini

in: Manfred Blohm, Burkhardt Klotz, Inez Naumann, Heidrun Schlüter-Gräber, Berührungen & Verflechtungen. Biographische Anteile in ästhetischen Prozessen. Köln: Salon (im Druck).

"Jede Form ästhetischer Erfahrungsarbeit ist jedoch biografisch verankert. M.a.W. es gibt keine ernstzunehmende ästhetische Praxis ohne biographische Anteile", heißt es im Expose des vorliegenden Buches. Dem kann man unmittelbar zustimmen. An die Verankerung in der Biographie wird die Hoffnung einer Fundierung geknüpft. Dieser Anker ist aber nicht einfach da. Man muss ihn werfen oder finden, das Meer der Biographie aufsuchen und befahren. Es gibt hierfür unterschiedliche Kartographien. Sie stehen nicht ein für alle mal fest. Das Biographische, die Biographie wird im Konzept des Buches als Voraussetzung eingesetzt. An sie wird die Hoffnung geknüpft, dass durch die Entdeckung der biographischen Anteile in der ästhetischen Praxis diese selber eine Orientierung gewinnt, dass sie die Fächergrenzen der Schule, die Organisation des Unterricht vielleicht sogar sprengt und andere Zusammenhänge stiftet, gängige Formen schulischen Lernens übersteigt.

Die Frage nach der Biographie stellte sich mir, als ich mit Eva Sturm und Wolfgang Legler zusammen eine Vorlesungsreihe "Kunstpädagogische Positionen" plante und durchführte. Darin war ein Teil vorgesehen, in dem wir als Lehrende unseren je eigenen Weg zur Kunstpädagogik erzählen wollten. Absicht war den jeweiligen Weg in Relation zu setzen, zu dem was gegenwärtig unsere Forschung und Lehre ist. Es ging aber auch darum, zu erzählen, darzustellen wie unterschiedlich die Wege sein können, mit Recht sein können, das es Wege sind, die in keiner Studienordnung vorgesehen sind, nicht vorhersehbar sind.

Die Vorlesung wandte sich vorwiegend an Studierende aus den ersten Semestern. Meine Intention war auch, darzustellen, dass gerade in der Kunstpädagogik das, was man in der spezifischen Position als Kunstpädagoge tut und tun kann, mit Überzeugung und Kraft lehren und forschen kann, abhängig von einem Transformationsprozess ist: Es kommt darauf an das singuläre Begehren in eine Form zu bringen, die andere ansteckt.

Dabei stieß ich wieder auf eine verflixte Interdependenz: Meinen Weg konnte ich nicht einfach abschreiten, abbilden und darstellen. Die ästhetische oder mediale Transformation in einen Text, der dann mehr oder weniger frei gesprochen wurde, geriet nicht zur Repräsentation einer vorausgehenden Biographie, sondern ich erzeugte in der Engführung durch die vorgestellte Situation einer Vorlesung, also einer ästhetischen, medialen Form, eine Biographie, schob Elemente hin und her. Mir wurden Verknüpfung deutlich, die ich so noch nicht bemerkt hatte, es war Eitelkeit im Spiel, Scham, Trotz, Versteckspiel. Und immer wieder schlug die Forderung nach Stimmigkeit zu. Die Elemente wurden durch die Situation selber erst zusammengeklebt. Vieles kam mir deshalb auch nicht in den Sinn, fiel mir erst später wieder ein. Ich hätte ganz unterschiedliche Geschichten erzählen können...