Karl-Josef Pazzini

In: BDK-Mitteilungen. 1/2004, S. 1 – 5

Der folgende Text geht auf einen Vortrag zurück, den ich im Oktober 2003 anlässlich des Symposiums „Mapping the Blind Space – Neue Wege zwischen Kunst und Bildung“ im ZKM in Karlsruhe gehalten habe. Laut Programm stand er unter der Gesamtüberschrift „Perspektiven“. Wenn man Kunstpädagogik von der Kunst her denkt, wird es Schwierigkeiten mit dem Begriff „Perspektive“ geben.

Perspektive
Perspektive, im Besonderen die Zentralperspektive, als symbolische Form der Strukturierung des Sehens und Denkens, des Fühlens und Handelns ist eine Form, die für einen rationalistischen Weltentwurf steht. Ich verkürze: Dieser Weltentwurf strukturiert die Umgebung und das Individuum gegenseitig und muss dazu auch die Mittel haben, dass Effekte entstehen, die dem fortschrittsbezogenen Denken entsprechen. Die Zentralperspektive ist ein imperiales Verfahren, um aus einem Individuum einen Potentaten zu machen. Dieses Verfahren war und ist immer noch erfolgreich, muss aber, um erfolgreich zu bleiben, immer größere Durchschlagskraft, immer gewaltsamere Mittel entwickeln, ferngesteuerte und selbst sehende, um die Perspektive durchzuhalten und klar und distinkt zu treffen. Dabei kommt es zu Kollateralschäden.
In vielen Bereichen der Kunst des vorigen Jahrhunderts und der Gegenwart wurden andere Weisen der Orientierung, der Auseinandersetzung mit den Nebenmenschen und der Umwelt in das Register des Symbolischen übersetzt, das heißt aus dem für andere nicht wahrnehmbaren bloßen Meinen (dem Register des Imaginären), also dem Eigentum des Einzigen, herausgearbeitet.
Gemäß dieser Entwicklung, den Forschungsergebnissen aus Kunst, Philosophie und Psychoanalyse lässt sich das Subjekt – eine Art Mandala der ästhetischen Erziehung – nunmehr und zutreffender eher folgendermaßen fassen:

Das Subjekt ist unbewusst...
Das Subjekt ist das, was sich unterlegt, was unterlegt ist, eine Basis bildet, was unterlegen ist, was unterworfen ist, das, was man nicht identifizieren kann, was auch nicht unbedingt als Individuum abzugrenzen ist (ein Subjekt können mehrere Individuen sein, erinnert sei an das revolutionäre Subjekt). Alles das. ...