Karl-Josef Pazzini

In: Kasseler Kunstverein (Hg.): Solo mortale. Katalog zur gleichnamigen Ausstellung im Kasseler Kunstverein. Kassel (2003), S. 7–10

Solo mortale.
solo, avi, atum are (solus) einsam-, öde machen
„Solus, a, um ... ganz alleine, einzig, bloß, ... (A) allein stehend, verlassen (ohne Freunde, Verwandte usw. (B) einsam, menschenleer, öde, ... (C) ein-zig = außerordentlich, ungemein,, ...“ Allein tödlich.

Einzig tödlich.
Einzig sterblich.
Allein sterblich.
Alleine ist man immer. Wenn man als einer alles wird, wird es gefährlich. Nicht nur für den einen. All - eine® wird ein eingetragenes Markenzeichen.
Aus dem All kam die Nachricht: „Du bist nicht allein!“
Das ist eine – gemessen an der Menschheitsgeschichte – ziemlich kurze Zeit, in der propagiert wird, dass jeder alleine zurecht kommen müsse. In dieser Hinsicht ist das bürgerliche, autonom gedachte Subjekt mittlerweile auch deutlich ein „verkommenes Subjekt“.
Wenn man nicht sein Leben aufs Spiel setzt, was kann man dann aufs Spiel setzen?

In der Presseerklärung zu dieser Ausstellung wird neben der Farce der „Ich-AG“ und der wunderschönen Worterfindung der „Scheinselbständigkeit“ der „Selbstmordanschlag“ erwähnt.
Ich möchte ergänzen: Selbstmordanschlag und Fremdmordanschlag ergänzen sich.
Beides sind die extremen Pole, die Grenzwerte des Hiatus, der Kluft, des Spannungsbogens in dem sich das Subjekt konstituiert. Manche Kunst thematisiert das symbolisch.

Unüberhörbar ist im Titel der Ausstellung der Sprung, der Salto mitgedacht.

Ein solcher Sprung steht gegen die überall propagierte Anschlussfähigkeit.
Ein Sprung macht auch Angst und könnte auch Lust machen. Angstlust.

Schön dass es Künstler und Künstlerinnen gibt, die nicht soviel Angst haben, die sich dem Risiko aussetzen, keinen Anschluss zu finden oder dem Risiko, da angeschlossen zu werden, wo sie überhaupt nicht hinwollten.
Menschen, die Kunst produzieren, und vielleicht noch einige andere, sind demnach irgendwo zwischen den beiden Sorten von Terrorismus / Fundamentalismus anzusiedeln, die gegenwärtig unsere Gesellschaft bedrohen: Da gibt es die allseits bekannten, in allen Medien unter dieser Bezeichnung auftauchenden Leute, die sich selbst als Trägermaterial für Explosionen nehmen und deutlich vernehmbare, sichtbare Spuren in Form von Mord und Zerstörung hinterlassen: Sie haben nur noch einmal Angst in ihrem Leben, das ist die Erleichterung. Die anderen sind die unter vielfältigen Namen auftauchen-den Angstvermeider, die dadurch das Leben und Begehren zum Erliegen bringen, die sich um die Vermeidung von Brüchen kümmern, Anschlussfähigkeit, Kontrollierbarkeit und Evaluierbarkeit fordern, die alles zu Markte tragen, denen alles kommensurabel ist. Äpfel und Birnen sind dann Obst. Sie kennen nur noch Obst, das heißt Brei. Dazu wird alles klein gehackt, oral verabreicht und anal kontrolliert. Dazwischen wird Gewichtszunahme gefordert. Sie sparen das Leben. Sind schon tot...