Karl-Josef Pazzini

In: Bundesamt für Kultur (Bern): Swiss ARt Awards 2003. Bern, S. 67 – 68

Die Entwicklung der Aufklärung verlangt uns als Mittlern und Pädagogen gegenwärtig ab, an-ders über unser Wissen zu denken, andere Abgrenzungen von dem, was wahnhaft sein kann – „Achse des Bösen“ –, zu versuchen und damit auch unser Konzept von Institution und von Grenzen zu ändern, von Einkleidung, Investitur und Investition.
Bildung zu fördern heißt dann, dafür zu sorgen, dass Grenzen, Funktionen, durch die Grenzen generiert werden, Relationen, die im Prinzip der Wahrnehmung nicht zugänglich sind, das Niveau des Wahrnehmbaren erreichen – Kunst ist eine, Wissenschaft eine andere Variante. Es geht um die Generierung von Stützen in der Wahrnehmung, das Aushalten von nicht Fassbarem, nicht Vorstellbarem – zu Beispiel durch experimentelle Einrichtungen, Institutionen. Es geht um Respekt vor der Gabe des Symbolischen, um dessen Inszenierung. Dabei ist gegenwärtige Kunst ein wichtiges Übungsfeld, ihre Vermittlung ein Lösungsmittel (im Sinne von Analyse) auch dogmatischer Grenzen zwischen Wissenschaft und Kunst. Die Grenzen sind anders zu formulieren, weglassen kann man sie nicht.
Also gilt es, die Frage nach der Einkleidung zu stellen, nach den Erscheinungsweisen von Konzepten, die ein soziales Band generieren helfen, das unter Menschen natürlicher Weise, im Sinne von „von selbst“, nicht existiert. Nicht einmal sexuelle Beziehungen funktionieren von selbst oder natürlich.
Es geht um die Schwierigkeit, eine Autonomie zu denken und zu leben, die in der individuellen Isolation nicht lebbar ist. Autonomie ist nicht Errungenschaft, sondern Schicksal des aufgeklärten Menschen, der erkennt, dass niemand da ist, der ihm die Gesetze gemäß eigener Machtvollkommenheit gibt, sondern dass alle daran mitwirken, auch die Abwesenden, die Toten. Es gilt also eine Autonomie anzustreben, die nicht zur Unfruchtbarkeit und Zerstörung des von uns nicht Beherrschten führt – Ausdruck davon ist Kunst.
Das Subjekt bezeichnet eine Kluft, einen Hiatus, eine Differenz, bzw. das Subjekt „ist“ eine Kluft[1]. Der Mensch versucht Zugang zu finden zum Ding an sich, zur absoluten Wahrheit, zur Unmittelbarkeit. Das, was der Mensch wahrnehmen kann, ist aber phänomenal, also nur in dem Bereich auffindbar, der in Erscheinung tritt. Dass etwas unzugänglich bleibt, lässt eine Sphäre entstehen, die zwischen dem liegt, was erscheint (phänomenal ist) und dem, was unzugänglich ist (noumenal ist). In dieser Kluft konstituiert sich als Relation das Subjekt. Ein so verstandenes Subjekt ist jeweils ein Akt, der immer wieder verschwindende Vermittler[2], eine Erscheinungsform desselben ist der Vermittler, der Lehrer, der, wenn er sich für den hält, der alles Relevante weiß, in der Tat dann ein „verkommenes Subjekt“ ist. Als verschwindender Vermittler hat er die Funktion, die Übertragung immer wieder aufzulösen, er ist der wahre Störer, stört er zu wenig, müssen das die Adressaten des zu Vermittelnden, z.B. die Schüler tun. Eine andere Erscheinungsform ist das starke Ich, das, wenn es sich für stark hält, nur ein Clown oder ein Terrorist sein kann.

Fussnoten:
[1] vgl. Zizek, Slavoj: Die Tücke des Subjekts, Suhrkamp; Frankfurt/M 2001, S. 39
[2] ebd. S. 216