Eva Sturm

Eine Kunstpädagogin, die man danach fragte, wie sie zur Kunstpädagogik gekommen sei, erzählte von sich in der Dritten Person. Vielleicht, so sagte sie, würde sie sagen: Ich habe immer gezeichnet. Beide Eltern übten den Lehrberuf aus, der Vater war außerdem Kunsthistoriker und der Raum des Zeichnens war für sie immer schon der Bereich, in dem so etwas wie Autonomie möglich war, in dem etwas Eigenes entwickelt werden konnte. An einen Ort gelangen, wo weder der Vater noch die Mutter schon waren, wissend. Das Zeichnen fand jenseits der nicht immer ganz freiwilligen Rezeption von romanischen Fresken und Tafelbildern statt, die aber dann doch ihre Wirkung ausgeübt hatten, rückblickend betrachtet. In der Kindheit und Jugend, diesem erinnert-konstruierten Phantasiebereichen, so könnte sie sagen, sagte sie, war das Zeichnen Meditation und Frechheit auf Papier, der Widerstand gegen Pädagogisierungsmaßnahmen, gegen strenge Regeln und der glückliche Kitsch erfüllter Wünsche: Sonnenuntergänge hinter zerzausten Bäumen, die auf romantischen Spaziergängen Namen bekommen hatten. Unendlich viele Landschaften und Gesichter.

Vielleicht, so sagte sie, würde sie sagen: Und dann, als das Erstemal zeitgenössische Kunst auf sie zugekommen sei, es war eines von Warhols Marylin Monroe-Gesichtern, habe sie Tränen der Wut vergossen. Das solle Kunst sein? Was für ein Affront! Der Vater war Zeuge dieser Szene, gerührt, wortlos. Dann aber, einige Jahre später, habe ich, so erzählte sie und verfiel in die Erste Person, an einer Führung durch ein Museum moderner Kunst teilgenommen. Und sie und ihre Mitschülerinnen seien von einer blonden Führerin, nicht viel älter als sie selbst, gefragt worden, ob es sich angesichts einer 3x5-Meter-Arbeit des Fotorealisten Franz Gertsch um ein Bild oder um ein Foto handle. Peng. Ein Knopf ging auf.

Wie fängt es an? Wie berichtet man von der ersten Konfrontation mit Kunst? Der junge Leiter des Hamburger Kunstvereins Yilmaz Dziewior berichtete kürzlich, von einem Redakteur für die Zeitschrift Kunstforum befragt, seine Kunstlehrerin sei überaus wichtig gewesen, auf seinem Weg zur Kunst. Ich fragte ihn noch kürzlicher, was sie denn gemacht habe. Seine Antwort: Gar nichts besonderes, rückblickend gesehen. Entscheidend war, daß sie viele Lösungen und Möglichkeiten zugelassen hätte, daß sie auch nicht die Antwort hatte. Und dann hat sie die Arbeit von Yves Klein gezeigt, sagte Yilmaz, und solche Sachen. Von heute aus betrachtet, sicher nur...naja.