Karl-Josef Pazzini

 

Abgedruckt in: Pazzini, Karl-Josef; Porath, Erik; Gottlob, Susanne (Hg.): Kontaktabzug. Medien im Prozeß der Bildung, Wien: Turia + Kant,, S. 196 - 211.  


Aufmerksamkeit auf die Medialität

Die neuen medialen Möglichkeiten lenken, noch präziser und unausweichlicher als dies mit den vorangegangenen Medien der Fall war, die Aufmerksamkeit auf die Medialität selber. Aber gegen die Verunsicherung wachsen auch Hoffnungen: Man setzt auf die Wirkmächtigkeit der leichter produzierbaren und vermittelbaren Bilder im Unterschied zur angeblichen Abstraktheit und Linearität der Sprache. Die Rede von der Vernetzung versucht ein großes Bündel zu schnüren, um doch noch einen Zusammenhang einzufangen.
Mein Beitrag soll auf die Anlässe der Verunsicherung hinweisen: zunächst einordnend im Großen und nicht Ganzen, etwas zurücktretend von einzelnen Beispielen, dann aber am Werk einer Künstlerin einiges explizierend.

Die Beachtung der Medialität der Sprache, der Schrift und der Bilder hat spätestens seit dem 19. Jahrhundert einen Prozeß in Gang gesetzt, der keine beherrschbare Allgemeinheit mehr kennt oder legitimiert durchsetzen könnte. Das hängt unter anderem daran, daß Form und Material nicht mehr sauber getrennt werden können. Sprechen, Schreiben, Bilden werden in ihrer Zwangsläufigkeit wahrgenommen, die Signifikanz immer an ein Material bindet. Und dieses subvertiert die Freiheit der Bedeutung. Die Form sitzt als ästhetische dem Trieb auf. Er repräsentiert sich immer wieder. Deshalb ist die Anforderung freier Assoziation  Gift für das Bewußtsein. Auf einmal wird man sich dessen gewahr, egal was man redet, schreibt, bildet, das da anderes auftaucht als man meint, daß man weniger deutlich macht als man beabsichtigt, daß man mehr und anderes sagt, schreibt und bildet, als bewußt sein könnte.

Diese Wendung begann mit dem "Tod Gottes". In der Logik dieses Prozesses lag eine ent-scheidende Freisetzung, der bis heute noch viele folgen müssen. Die Stelle ist heute noch vakant. Neubesetzungen werden stets widerrufen. Er hinterließ Waisenkinder. Die Mutter war schon im Matriarchat gestorben.
Diese Wendung ist auch die Version zur Demokratie und die zur radikalen Immanenz. Alle sind gleich, befinden sich in einer großen Peergroup. Beides stimmt natürlich nicht. Nie war der Generationenkampf härter, allerdings um die Generation zu leugnen. Und zwar der Kampf der Älteren gegen die nachfolgende Generation, um nicht zu veralten. Bildungs-chancen werden nicht in ausreichendem Maß zur Verfügung gestellt, um überhaupt unter den  Bedingungen eines entfesselten Marktes, der ja auch frei wurde, sich behaupten zu können.
Trotz aller Immanenzerkenntnis: Die Suche nach dem Jenseits ist nicht abgeschlossen.
Jetzt scheint auf, daß die alte Herrschaft, zumeist Herren, auch ein Produkt von Ängsten und Wünschen waren oder noch sind. Spätestens Feuerbach hat mit der Analyse dieses Prozesses begonnen und Marx hat in der Folge für heute immer noch gültige Formulierungen geliefert. Feuerbach entdeckte die Religion in ihren medialen und projektiven Qualitäten, Marx analysierte das Kapital, den Markt, das Geld als Medium der Vernetzung, allerdings auch der Trennung. Damit ging in der Folge die intuitive, fast naturwüchsige Form des Zusammenhangs, der auch ein Zwangszusammenhang war, verloren.
Gegenwärtig taucht eine Sehnsucht nach Vernetzung, nach Zusammenhang wieder auf. Aber was schafft diesen Zusammenhang, regt die nötigen Transformationen und Transgressionen an, um das behauptete Netz zu generieren, das zunächst nur eine Metapher einer Metapher über dem Leitungsnetz der Abwasserwirtschaft, der Elektrizitätswerke, der Telephongesellschaften und der Menschenfischerei ist?...