Karl-Josef Pazzini

In: Bauer, Jochen; Eigenmann, Susanne; u.a. (Hg.): Schnittmengen ästhetischer Bildung. Zwischen Künsten, Medien, Wissenschaften und ihrer Didaktik, München: kopäd: 2000, S. 27-30.

Wenn ich als Wissenschaftler pädagogisch gefordert werde, finde ich mich in einer Situation, die einer Situation, in der sich Lawrence Weiner einmal befand, nicht ganz unähnlich ist. Das wurde mir an einer Videoaufzeichnung deutlich, die ich ansah, als ich mich u.a. mit der Frage der Lehrbarkeit der Kunst und dem Ästhetischen an der Bildung befaßte. Die Frage blieb mir erhalten.
Weiner sollte etwas zeigen, etwas tun, vormachen, das sich mit der Aufforderung verknüpfen ließ: "Do it"(1). Er sollte etwas darstellen für andere, das zumindest herausfordert. Es sollte eine Grenze überschritten werden, z. B. die zwischen Produzent und Rezipient, zwischen Aktiv und Passiv, zwischen Vormachen und Nachmachen, zwischen Künstler und Publikum ... Weiner wird von den Initiatoren der Sendung als Könner angesprochen. Ihm traut man zu, dass er etwas tut und dass sein Tun andere zum Tun bringt.

Ich saß dann da, mir vorstellend, dass ich lehren müsste. Könnte ich nicht mutatis mutandis das sagen, was Lawrence Weiner gesagt hat, als er aufgefordert wurde, als Künstler für ein Fernsehpublikum in ein bis zwei Minuten etwas zu formulieren, was getan werden könnte, möglicherweise mit dem Charakter von Kunst.
Er stellte sich der Aufforderung, betrat den Raum, hielt in der Hand Hammer und Fuchsschwanz, zwei Werkzeuge, zwei Methoden, zwei Unterstellungen, die eine handwerkliche Orientierung nahelegen, machte eine Bewegung, als wolle er den Hammerstil mit dem Fuchsschwanz ansägen, oder vielleicht auch beide Werkzeuge wie Messer aneinander schärfen, tat es aber nicht, holte tief Luft, stöhnte:
"Sie haben uns zusammengebracht, um zu erzählen, wie etwas zu machen ist. Wie machen? Sie bringen uns immer zusammen in der Erwartung, der Künstler erzähle den Leuten, wie zu handeln (wie zu machen) sei. Tatsächlich würden sie ihnen gerne erzählen, was zu machen sei. Das Hauptproblem für alle diese Leute ist, nachdem sie uns zusammengebracht haben, daß sie vergaßen, daß der Grund, weshalb ich ein Künstler bin, der ist: Ich weiß nicht, wie irgend etwas zu tun (zu machen) ist."
"They had brought us together to tell you, how to do something. How to do? They always bring us together expecting the artist tell people how to do. In fact they'd liked to tell them, what to do. The major problem for all of these people is, after they assembled us, they forgot that the reason I'm an artist is: I don't know how to do anything."  

Kommentar von Aussage und Tun im Handeln

In diesem Clip, der aufgezeichneten Aktion, kommentieren sich Aussage und Tun im Handeln. Eine Form, die nicht von der Reihenfolge Theorie - Praxis, Handarbeit - Kopfarbeit, Begründung - Ausführung gekennzeichnet ist. Präsentation und Kommentar fallen sich ins Wort oder in die Tat. Eine Form, die sich in vielerlei Weisen auch in der Literatur und in der Musik findet.
Die Aussage behauptet: Er sei deshalb Künstler, weil er nicht wisse, wie irgend etwas zu tun sei. Dieses Nicht-Wissen ist Grund seiner Profession. Er kokettiert einen Moment damit. Aber er tut dennoch etwas und das nicht schlecht, als vermittelnder Künstler, der diese Vermittlung selber als einen Akt der Kunst ausstellt. Es ist ein Akt, in dem er ganz ausgeklügelt von seinem Nichtwissen spricht, ein Akt, der der Form nach etwas Künstlerisches zu Gehör bringt und zugleich zeigt.
Eine schwierige, ironische Vorgehensweise, gezeichnet von einem Dennoch. Er läßt sich von der fehlenden vorgängigen Begründung der Paradoxie und den Reflexionsanforderungen nicht handlungsunfähig machen. Die Handlungsunfähigkeit nach rationalen Kriterien ist gleichsam der Ansporn, ästhetisch zu gestalten und zu forschen, ohne Rationalität über Bord zu schmeißen.
Täuschen wir uns aber nicht, indem wir feststellen: Aha, ästhetische Rationalität! Die Rationalität wird hier gedreht und gezwirbelt. Oder anders: Die Zeitstruktur dieser Rationalität wird offen gelegt. Rational ist etwas nur nachträglich. Da ist Heterogenes zusammengebracht worden, da ist eine Erwartungshaltung aufgebaut worden. Da tut jemand etwas im Moment, er erhält einen Auftrag, der wird erfüllt, aber doch nicht, nicht wie erwartet, dennoch wird er ernst genommen.

Auch in der Situation des Lehrens wird man programmatisch, also mit Vorschriften, vorher Geschriebenem und Zielvorstellungen zusammengebracht, es entsteht plötzlich ein Handlungsdruck in der Kontingenz der konkret zu gestaltenden Situation wie hier, die eine Form verlangt in der Zeit. Das trifft auf Erwartungen und Wünsche. Dieser Handlungsdruck und die Art und Weise, wie man ihn umwandelt in unterrichtliches Handeln, also in eine Erzeugung von Freiraum für andere Verknüpfungen, auch für sich und andere, ist nie genau planbar, muß aber geplant werden.
Ästhetisch an diesem Handeln, so könnte man sagen, ist die Reflexion auf die Semiose, den Prozess des Zeichenmachens in diesem selbst. Es handelt sich hier nicht um Hermeneutik, sondern das Aufnehmen des Aufnehmens.
Eine mediale Reflexion in der Performanz.

Ist ästhetisches Handeln lehrbar?
Wenn Ihnen jetzt etwas beigebracht, nahegebracht wurde, dann ist möglicherweise ästhetisches Handeln lehrbar. Aber dieser Einzelfall kann den Zweifall nicht beseitigen.

Anmerkung

(1) Stills und Transkription aus dem Videoclip "Do It" (Kurator Ulrich Obrist, 1996 im ORF gesendet). Künstler reagieren auf den Wunsch des Kurators, für das Fernsehpublikum eine Anweisung zu geben, Kunst zu machen.

Literatur zum Umfeld des Textes

Butler, Judith (1997): Haß spricht. Zur Politik des Performativen, Berlin: Berlin Verlag 1998
Jacotot, Joseph: Universalunterricht oder Lernen und Lehren nach der Natur-Methode. Jacotot's sämtliche Schriften ... Übers. v. J. P. Krieger, Zweibrücken: Ritter 1833.
K. J. Pazzini: Versuch über das Suggestive in den Medien. In: Pierangelo Maset: Pädagogische und psychologische Aspekte der Medienästhetik. Beiträge vom Kongreß der DgfE 1998 "Medien-Generation", Opladen: Leske + Budrich 1999. S. 177-194.
K. J. Pazzini: Zeige-Stöcke und andere Medien. Zur Aggressivität von Medien in der Bildung. In: Schade / Tholen (1999): Konfigurationen. Zwischen Kunst und Medien. München: Fink. S. 321-337.
K. J. Pazzini: Replik auf einen Vortrag Gunter In: Ottos Grünewald, Legler, Pazzini (Hg) (1997): Ästhetische Erfahrung. Perspektiven ästhetischer Rationalität. Velber: Friedrich.. S. 361-372.
Rancière: Le maitre ignorant. Cinq lecons sur låémancipation intellectuelle , Mesnil-sur-låEstrée: Librairie Arthème Fayard 1987.
Rebentisch, Juliane: Performativität, Politik, Bedeutung. Judith Butler revisited, in: Texte zur Kunst, Nr. 27, 1997, S. 61-72.
Seitz, Hanne: "... nicht ich und doch so gespenstisch immer-da." Von der Kunst performative Ereignisse ins Spiel zu bringen, in: Internationale Gesellschaft der Bildenden Künste, IGBK, Bonn (Hg.): Kunst lehren? Künstlerische Kompetenz und kunstpädagogische Prozesse - Neue subjektorientierte Ansätze in der Kunst und Kunstpädagogik in Deutschland und Europa, Stuttgart: Radius1998, S. 260-272.
Theeween, Gerhard (Hg.): Information - Education. Gespräche und Texte über Lehren und Lernen, Köln: Salon 1996.
Widmer, Heiny; Zaugg, Rémy; Muller, Jean-Claude: L'art c'est l'art , Neuchatel: Musée d'ethnographie 1999.