Der Ursprung der Bilder
oder
Über das verlorene Original

(Off-Text)

Torsten Meyer
1995

in Kooperation mit
Karl-Josef Pazzini



Das erste Bild, das er mir schickte, hatte er aus der Zeitung herausgerissen.
Das Bild zeigt zwei Cameramänner eine leere Wand filmend.
Das Bild war untertitelt mit:
"Metaphysik des Verschwindens: Das Fernsehen filmt die Leere, die der Diebstahl der Turner-Gemälde am 28. Juli in der Frankfurter Schirn hinterlassen hat."
Er schrieb, es käme ihm vor als habe er das Bild gemalt.
Nichts sei so poetisch wie das Bild im Bild - insbesondere, wenn das Bild im Bild fehle, wenn es auf ein Bild verweise, das gar nicht da sei.
Es stelle sich ihm, so schrieb er, die Frage nach dem Urbild: Dem Bild, das die anderen Bilder erzeuge.
Das Wesentliche an der Kunst sei unsichtbar.
Das Fehlen der Bilder, die eigentlich da sein sollten, erzeuge Bilder im Kopf - Neben denen, die ungefragt eingefallen seien.
Er schrieb, er werde sich auf die Suche nach den verlorenen Bildern machen,
er wolle zum Ursprung der Bilder zurück, das Urbild wiederentdecken.
Natürlich, so fügte er hinzu, wisse er, das es das nicht gäbe, aber die Frage zu stellen, ließe er sich nie nehmen.

Er schrieb mir, daß Weltraumfahrer, wenn sie auf einem fremden Planeten Bilder finden würden, sicher sein könnten, in ihren Herstellern Wesen entdeckt zu haben, die geistige Freiheit besäßen, die Dinge beim Namen zu nennen und
sich innere Bilder zu machen.

Das hieße, daß diese Wesen Sprache hätten, transzendieren könnten - oder müßten -
daß sie zur Abstraktion geometrischer Form und des rationalen Begriffs potentiell in der Lage seien, und das hieße,
daß sie der Möglichkeit einer Kommunikation mit ihnen sicher sein könnten.

Bilder seien die Conditio humana.
Mit ihnen habe das Menschsein angefangen:
Durch die Fähigkeit des Bildermachens habe sich der Homo sapiens über die Tiere erhoben.
Die Bilder an den Wänden der prähistorischen Höhlen, seien die ältesten Zeugnisse des Menschseins.
Zeugnisse des Mitteilens, der Kommunikation durch Dinge, gesetzte Male: Malerei.
Sie hätten sich nicht damit zufrieden gegeben, den Dingen Namen zu geben, sie schufen Dinge - für die es neuer Namen bedurfte.
Und davon könnten auch die letzten vorläufig nicht lassen.

Er schrieb, es gäbe eine jahrtausende alte Tradition der Höhlenmalerei.
Er schrieb mir:
Auch in den künstlichen Höhlen mit dem nach oben - Richtung Transzendenz - zeigenden Pfeil, malte der Mensch sich seine Weltbilder an die Wand.
Es ginge dabei nicht um das Abbilden, sondern um den Verweis auf ein Jenseits: das Transzendente, die unmittelbare Wahrnehmung übersteigende: Das Bild hinter dem Bild.
Immer werde auf etwas hingewiesen, das nicht da sei.
Immer wieder werde Nicht-Sichtbares sichtbar gemacht.
Es würde versucht, eine Welt hinter - oder über - der Wirklichkeit zu konstruieren, ein Gesetz gesucht, das dem Dasein Sinn gäbe.

Das nächste Bild, das er mir schickte, war eine Höhlenmalerei aus dem 19. Jahrhundert.

Er schrieb, er sehe darin ein Bild im Bild.
Courbet deute hier auf etwas hin, das er gleichzeitig verberge:
Ein anderes Bild, das erst hervor geholt werden müsse.

Er schrieb mir, er habe mit Medizinern gesprochen:
Das Immunsystem definiere etwa zum Zeitpunkt der Geburt, welche Stoffe als körpereigen oder -fremd erkannt würden.
Die Stoffe mit denen es zu dieser Zeit in Berührung käme, erkenne es normalerweise lebenslang als körpereigen, alle später hinzukommenden Stoffe als körperfremd.
Etwa zum Zeitpunkt der Geburt würde also eine Grenze gezogen zwischen Körper und Umwelt, zwischen dem Innen und dem Außen.
Das, so fügte er hinzu, sei das Schmerzliche an der Geburt.
Das Immunsystem sorge mit seinen Antikörpern dafür, das die Homöostase, das innere Gleichgewicht des biologischen Systems Mensch aufrecht erhalten würde, daß das komplexe Zusammenspiel der Organe nicht durch unpassende Eindringlinge aus dem Gleichgewicht gerate.
Er schrieb, es drängen sich ihm Paralellen auf zwischen dem Wahrnehmungssystem und dem Immunsystem.
Er frage sich, ob es Mechanismen der Wahrnehmung gäbe, die ihn vor schädlichen Eindringlingen schützen, die das Ich von der Welt trennen, und durch diese Grenzziehung dieses Ich als ein Bild erst herstellten.
Er sei darauf gekommen, als er erfuhr, das im Niederländischen für die Malerei das Wort Schilderkunst verwendet würde: Seit der Ritterzeit trage der Schild das aufgemalte farbige Erkennungszeichen seines Besitzers, das Wappen. Dieses Schild-Bild zeige also, wer sein Träger sei. Darauf beziehe sich die Rede-Wendung "etwas böses oder gutes im Schilde führen". Aus dem Wappen erkenne man, ob sich Freund oder Feind nähere.
Wie an dem roten Kreuz zu erkennen, führe der heilige Michael hier gutes im Schilde.
Er schrieb, der Drachen sei ein Bild im Bild: Ungeheuer und anderes Ungeziefer stehen für etwas anderes, seien Metapher für das transzendente Böse, für das Unheimliche, Ungeheuerliche.

Gleichzeitig schütze der Schild seinen Träger vor unliebsamen Eindringlingen wie Schwertstrichen, Keulenhieben oder anderen Unannehmlichkeiten. Insofern habe der Schild etwas gemeinsam mit den Antikörpern des Immunsystems. Er verhindere die Konfrontation mit Eindringlingen, die der Träger nicht annehmen könne.

"Es ist Y-förmig und besitzt an seinen kurzen Armen zwei gleiche Erkennungsköpfe. Im Körper strömen die Antikörper im Blut durch die Adern und sie verhalten sich so lange passiv, bis sie einen Feind ausmachen. Mit ihren Fühlern erkennen sie die Zellen, die es zu bekämpfen gilt. Hier sind es zum Beispiel die Krebszellen. Neben dem Markieren der Tumorzellen können sie sie auch direkt angreifen, aber leider bremsen sie nicht ihre Vermehrung. Es werden immer mehr, die Antikörper allein sind also überfordert. Deshalb experimentieren die Wissenschaftler mit einer anderen Art weißer Blutkörperchen, den sogenannten Killerzellen. Diese sind zwar in ausreichender Menge im Blut vorhanden, aber sie erkennen den Tumor nicht, weil sie ihn für körpereigenes Gewebe halten."
(WDR 3: Neue Chancen in der Krebstherapie)

"Der Weltraum, unendliche Weiten. Wir befinden uns in einer fernen Zukunft. Dies sind die Abenteuer des neuen Raumschiffs Enterprise, das viele Lichtjahre von der Erde entfernt unterwegs ist, um fremde Welten zu entdecke, unbekannte Lebensformen und neue Zivilisationen. Die Enterprise dringt dabei in Galaxien vor, die nie ein Mensch zuvor gesehen hat."
(Enterprise - das nächste Jahrhundert)

Er schrieb, letztlich seien auch wissenschaftliche Begriffe, wie der des Antikörpers, Bilder im Bild, Metaphern für etwas anderes.
Das medizinische Symbolsystem nutze für die Beschreibung des Immunsystems das Bild im Bild des Antikörpers, eine Metapher.
Da mache sich ein kleiner Antikörper gegen das Fremde, Ungeheuerliche auf den Weg, die unendlichen Weiten heimzuholen, heimisch zu machen, das Fremde vom Unheimlichen zu befreien.
Wo aber sei seine Heimat?
Was seine Referenz?
Er schrieb, er frage sich, ob die Bilder eine Rolle spielten im geistigen Immunsystem; ob es analog zu Antigenen, Stoffen die nicht zum Körper gehören, auch Antinome gäbe, Eindringlinge in die Erkenntnis, für die es keine Namen gäbe.
Könnte es sein, so schrieb er, daß wir uns Schilder oder Mauern bauen, die uns vor dem Unbenennbaren schützen? Vor dem Unheimlichen, das wir nicht heimisch machen können - das dann auftauche, wenn es nicht soll?
Er schrieb, er habe mit Psychoanalytikern gesprochen: Das Unheimliche sei eigentlich etwas, was heimlich sei, das im Verborgenen ruhe, verdrängt sei. Es müsse ver-heimlicht werden, gut abgedichtet gegen das Hervortreten, sonst würde das Heimliche zum Unheimlichen.
Er meinte, diese Überlegung kehre das Äußere nach innen, das Antinom sei nicht außen in den unendlichen Weiten, sondern innen, hinter Schildern und Mauern versteckt.

Er schrieb, er frage sich, ob diese Mauern oder Schilder nicht gleichzeitig Projektionsfläche seien für weitere Bilder.
Dies wären dann Bilder im Bild.
Vielleicht, so meinte er, hätten wir hier das Urbild gefunden: Eigentlich ein Nichts, das sich selbst verdoppele und dann zur Referenz würde, wie ein Spiegelbild,
wie ein Film, in dem die Off-Stimme in indirekter Rede spräche...

Er schrieb es gäbe einen Übersetzungsstreit: Es sei nicht geklärt, wie das Wort Logos in der griechischen Urfassung des Johannes-Evangeliums zu interpretieren sei:
Man streite sich seit Jahrtausenden, ob am Anfang das Wort oder das Bild gewesen sei.
Er plädiere für das Bild.

(EPILOG - Wissenschaftlicher Nachtrag: Prof. Dr. Detlef B. Linke, Universitätskliniken Bonn)
"Der Mensch wird klassischer Weise als Ebenbild Gottes angesehen in dem Sinne, daß man sagt: Hier in der Schöpfung ist er auch Urbild. D.h. er ist nicht Bild in dem Sinne, Bild Gottes, so wie wir seine Körperlichkeit uns vorstellen, sondern in dem Sinne, daß er Ursprung von Bildern ist. Das war bisher immer leicht, sich das vorzustellen, weil man sich hinter der Stirn normalerweise nichts richtiges vorstellte, sondern höchstens die Seele, also einen leeren Ursprung. Man kann sich schwer vorstellen, daß der Ursprung von Bildern selber aus Bildern bestünde. Heute ist das anders: Wir können den Kopf, das Gehirn unter ein Computertomogramm legen, unter einen Positronen-Emissions-Tomographen, auf diese Weise das Gehirn verbildlichen, sogar in seinen Bildfunktionen, d.h. das Anschauungsvermögen des Menschen kann selber zur Anschauung kommen. Auf diese Weise wird eine neue Stufe in die Erkenntnis eingeschoben, der Mensch betrachtet sich als Betrachtenden, das Anschauungsvermögen wird selber anschaulich. Die Frage ist , ob das klassische Urbildhafte des Menschen, dabei nicht verloren geht, wenn er sich selber nun betrachtet und nicht mehr als den von Gott betrachteten ansieht. Er selber betrachtet sich, er wird zu einem geschlossenen System voller Bilder, die er nun in sich selber betrachtet - und während er sie betrachtet, kann er sich noch mal betrachten."

Ursprung - Preview


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Torsten Meyer
oder
Karl-Josef Pazzini
kunst.erzwiss.uni-hamburg.de - Arbeitsgruppe zur Produktion von Lernsoftware und ähnlichen Unterrichtsmedien
Torsten Meyer, 9. Oktober 1996