Torsten Meyer

 

HyperMedia-Unterrichtsmaterial:

Der Ursprung der Bilder 

Oder: Über das verlorene Original

    "Das erste Bild, das er mir schickte, hatte er aus der Zeitung herausgerissen. Das Bild zeigt zwei Cameramänner eine leere Wand filmend. Das Bild war untertitelt mit: »Metaphysik des Verschwindens: Das Fernsehen filmt die Leere, die der Diebstahl der Turner-Gemälde am 28. Juli in der Frankfurter Schirn hinterlassen hat.« 
    Er schrieb, es käme ihm vor als habe er das Bild gemalt. Nichts sei so poetisch wie das Bild im Bild - insbesondere, wenn das Bild im Bild fehle - wenn es auf ein Bild verweise, das gar nicht da sei. 
    Es stelle sich ihm, so schrieb er, die Frage nach dem Urbild: Dem Bild, das die anderen Bilder erzeuge. Das Wesentliche an der Kunst sei unsichtbar. Das Fehlen der Bilder, die eigentlich da sein sollten, erzeuge Bilder im Kopf - neben denen, die ungefragt eingefallen seien. 
    Er schrieb, er werde sich auf die Suche nach den verlorenen Bildern machen, er wolle zum Ursprung der Bilder zurück, das Urbild wiederentdecken. Natürlich, so fügte er hinzu, wisse er, daß es das nicht gäbe, aber die Frage zu stellen, ließe er sich nie nehmen

So beginnt der Off-Text des Film-Essays "Der Ursprung der Bilder". Diese 13-minütige Video-Collage ist als Teil eines Unterrichtsmaterial-Paketes (Sek. II / Hochschule) konzipiert, an dessen Produktion ich z.Z. in Kooperation mit Karl-Josef Pazzini arbeite(1). Es thematisiert die sogenannten "Neuen Medien" auf zweifache Art: 
Zum einen wurden die "Neuen Medien" für die Produktion genutzt und setzen für die Rezeption diese ebenfalls voraus: Es gibt neben dem Video-Essay, der auf VHS-Cassette vorliegt, eine computerlesbare CD-ROM (Win und Mac), die "Ausgänge" ins World-Wide-Web beherbergt.
Zum anderen schließt es auf der inhaltlichen Ebene an die derzeitige medientheoretische Grundsatzdiskussion an, die - wie immer bei Einführung eines neuen Mediums - ob der Konjunktur der digitalen Medien entbrannt ist, und bereitet sie für den Unterricht auf.
 
  
»Metaphysik des Verschwindens: Das Fernsehen filmt die Leere, die der Diebstahl der Turner-Gemälde am 28. Juli in der Frankfurter Schirn hinterlassen hat.«   
 

 
 

Medialität 
Der Video-Essay führt unsystematisch und aspekthaft in das Thema ein. Entlang einer metaphorischen Geschichte, die sich an dem Fundstück eines Fotos aus der Frankfurter Allgemeinen Zeitung entspinnt, werden Begriffe wie Urbild, Abbild, Original, Bild im Bild etc. zunächst problematisiert: Am 28. Juli 1994 wurden aus der Kunsthalle Schirn in Frankfurt zwei Gemälde William Turners ("Licht und Farbe", " Schatten und Dunkelheit") sowie eines von Caspar David Friedrichs ("Nebelschwaden") gestohlen. Das Foto in der FAZ, das der imaginäre Sprecher des Off-Textes zugeschickt bekommt, zeigt zwei Cameramänner des deutschen Fernsehens die leere Wand filmend, an der die "verlorenen Originale" hingen. 
Einer der Cameramänner macht sich mittels computergestützter Morphing- und Animationstechnik unvermutet selbständig und mutiert zum "Off-Helden": Er macht sich auf die Suche nach den verlorenen Bildern - dem verschwunden Original. Eine Suche, die durch interdisziplinäre Diskurse führt, sich dabei auch durch die Kunstgeschichte zappt und in der Schöpfungsgeschichte ein offenes Ende findet. Der anschließende Epilog löst die Spannung der Suche nach dem Urbild mit einem medientheoretischen Zirkelschluß auf:  
    "Auf diese Weise wird eine neue Stufe in die Erkenntnis eingeschoben, der Mensch betrachtet sich als Betrachtenden, das Anschauungsvermögen wird selber anschaulich. ... Er selber betrachtet sich, er wird zu einem geschlossenen System voller Bilder, die er nun in sich selber betrachtet - und während er sie betrachtet, kann er sich noch mal betrachten."
  
 
 
copy/paste  
Der Video wurde komplett am Computer hergestellt: Es wurden gescannte Zitate aus dem Bildervorrat der Kunstgeschichte von den steinzeitlichen Höhlenmalereien bis zu Jeff Wall mit Fundstücken aus den Massenmedien digital collagiert. Durch die Möglichkeiten der elektronischen Bildbearbeitung hinterläßt das Collagieren hier allerdings keine Brüche, keine sichtbaren Klebestellen und Materialübergänge: Wie selbstverständlich kann das Raumschiff Enterprise durch die "unendlichen Weiten" fliegen, die sich in einer Courbetschen "Höhlenmalerei" auftun ...
Diese "postmoderne" Mentalität des »copy and paste«(2)  kann als eine spezifische Eigenheit der neuen digitalen Medien gelten: Die technische Perfektion und Glätte des "Zusammentreffens wesensfremder Realitäten" (Max Ernst über " Collage" (3)) führt potentiell zur universellen Anschließbarkeit von allem mit jedem: Es ist kaum mehr möglich, die semantischen Grenzen abzustecken, die bei der klassisch-modernen Collage immer noch durch Materialübergänge sichtbar waren. Es können willkürliche Kohärenzbeziehungen hergestellt werden, die die Grenze zwischen relevanten und irrelevanten Aspekten vollkommen verwischen. Das führt zu einer Komplexität, die vom Rezipienten ein gehöriges Maß an Medienkompetenz fordert.
Die semantische Dichte des Video-Essays "Der Ursprung der Bilder" ist folglich so hoch, daß spontanes Verstehen im Sinne eines Nachvollzugs der z.T. sehr komplexen Assoziationen unmöglich erscheint. Es werden nicht Fragen beantwortet, sondern vielmehr erst provoziert: So wird wohl nach einmaliger Rezeption der Wunsch laut, "das alles noch mal in Zeitlupe sehen" zu wollen.
  
Courbets »Source de la Loue« von 1831 und Raumschiff Enterprise von 2100
Interaktive Zeitlupe  
Die im Material-Paket enthaltene CD-ROM enthält eine postkartengroße Version des Essay-Films als Digital-Video. Es kann darauf zugegriffen werden mittels eines Interfaces, das Funktionen eines Videorecorders bietet: Es kann vor- und zurückgespult werden, bestimmte Stellen des Films können direkt angefahren werden.
Darüber hinaus wird die Möglichkeit geboten, den Film in seine Bestandteile zu zerlegen: Man hat direkten Zugriff auf die zitierten Bilder, kann sie aus dem Filmzusammenhang lösen und im einzelnen detailiert betrachten. Auch können die digitalen Bilder kopiert, in Bildverarbeitungsprogramme importiert und dort auf eigene Faust weiterverwendet werden (copy/paste). Weiter können nähere Informationen abgerufen werden zum Künstler, zum Werk und zur Epoche, in der es entstanden ist.
 Auch auf den gesprochenen Off-Text kann direkt zugegriffen werden. Als weitere Spezialität der neuen digitalen Medien liegt der Off-Text in Form eines "HyperTextes" vor: Die 1521 Wörter des Textes enthalten 148 "HyperLinks", anklickbare Verweise auf weitere Texte, Bilder oder Digital-Videos. 
 
 
 
  
Video-Interface  

   
Informationen zu zitierten Bildern  

 

HyperMedia 
Über die im Video verwendeten Materialien hinaus enthält die CD-ROM eine Fülle weitere und weiterführender Text- und Bildzitate aus verschiedenen Zusammenhängen, die wiederum weitere HyperLinks enthalten. Mittels HyperMedia-Technik kann den Assoziationen, die im Film postuliert werden, per MausClick weiter nachgegangen werden. Es kann dabei ein Netz von Querverweise entstehen, das jenem Spiel entspricht, »bei dem man durch Assoziation in fünf Schritten von Würstchen zu Platon gelangen soll«(4).  Durch diese universelle und bruchlose Anschließbarkeit von allem mit jedem können pragmatische Relevanzsysteme relativiert und dadurch strukturell durchschaubar werden.
Kontrastierend damit ist aber auch die "ordentliche" Einordnung der Materialien in kulturgeschichtliche und systematische Zusammenhänge möglich: Die CD-ROM bietet ein weiteres Interface, das unter dem Titel "Archiv" bereitsteht.
Hier wartet neben einem alphabetischen Index eine synchronoptische Darstellung des gesamten Materials, die alle Werke und Texte in einen chronologischen Zusammenhang bringt.
  
Off-Text
Bedeutungsgeneration als Frage des >Interface<  
Die unterschiedlichen Zugriffsmöglichkeiten auf die Materialien lassen diese in jeweils anderen Zusammenhängen erscheinen: So findet sich "Caravaggio" im alphabetischen Index neben dem zeitgenössischen kalifornischen Kult-Designer David Carson, im chronologischen zwischen "Raffael" und "Rembrandt", während er im Film-Essay mit Monets Darstellungen der "Kathedrale von Rouen" in Zusammenhang gebracht wird.
Durch das nicht-hierarchische Nebeneinander dieser (mindestens) drei Ordnungssysteme wird deutlich, daß die Bedeutungen der Dinge immer eine Frage des Kontextes sind, in dem sie erscheinen - ja, daß Bedeutungen erst aus diesem (oder eben "jenem") Zusammenhang heraus entstehen. Diese nicht ganz neue, aber medientheoretisch hochbrisante Erkenntnis macht klar, daß es keine un-mittel-bare, also nicht-mediale Wahrnehmung geben kann: Das Ding ansich (das "verlorene Original") ist nicht zu fassen. Die "Ordnung der Dinge" wird zur Frage des medialen >Interfaces<.
Auf diese Art und Weise angewendet kann die HyperMedia-Technik zum "Karneval der Ordnungs- und Bedeutungssysteme" führen. Die Relevanz des Spielens mit solcherlei Dekonstruktionsmaschinen dürfte weit über kunstpädagogische Kontexte hinausführen ...
 
  
Zugriff auf das Material: Alphabetischer Index ...  

   
... und kulturgeschichtlich chronologisch

Surfboard 
Es haben sich als Metaphern für Zugriffsweisen auf die digitalen Symbolisierungen der Dinge in HyperMedia-Anwendungen zwei Begriffe etabliert: Das "Navigieren" und das "Browsen"(5). 
"Navigation" als Metapher aus der Seefahrt impliziert dabei immer ein Ziel, das man durch geschickte Navigation schnell und sicher erreichen kann. Ein Navigator-Interface muß deshalb übersichtlich und praktisch sein - wie Physikunterricht.
"Browsen" hingegen bedeutet "Stöbern", "flüchtig lesen". Es bezeichnet - im übertragenen Sinne - eine Art geistigen Flanierens, das mal hier- und mal dorthin treibt, je nach Vorlieben und Interessen, die vermutlich direkt abhängig sind von den "Verführungskünsten" des Interface-Designs.
Die "Ursprung der Bilder-CD-ROM" bietet beides - und legt den Schwerpunkt dennoch auf das Browsen, weil es dem Begriff der "Ästhetischen Bildung" näher steht: Spätestens, wenn man einen HyperLink erwischt, der nicht auf Material auf der CD verweist, sondern "hinaus" in die semantischen Weiten des Internet führt, müssen eigene Relevanzkriterien gefunden bzw. entwickelt werden. Und dann wird dieses "Spiel" mit Bedeutungsgeflechten bitterer Ernst: Wie kann man sich in einem symbolischen System orientieren, das allein 30 Millionen in Suchmaschinen katalogisierte Dokumente beherbergt, das auf das Schlagwort "Kunst" mit 117.293 Fundstellen antwortet, auf das "internationalere" Schlagwort "art" gar mit 5.028.169 (6). Was davon sollen wir glauben, zur Kenntnis nehmen, wissen ...
Und "richtig interaktiv" wird's dann erst im richtigen Leben: Ich sehe das WWW hier lediglich als "Spielwiese" für die Orientierung in unserem symbolischen Universum. (Das wäre - nebenbei bemerkt - das "Lernziel")
Medialität zum Thema des Kunstunterrichts!  
Was ist das globale Thema des Kunstunterrichts?
Wenn sich überhaupt ein Kriterium zur Definition von Kunst konstruieren ließe, das den Bogen spannen kann von den Höhlen von Lascaux bis zur Documenta X, dann wohl dieses: Daß die Kunst immer das Medium zum Thema macht, indem sie Artefakte setzt, die auf die Dinge verweisen, die unsere Wahrnehmung nicht als unmittelbare, also "nicht-mediale", nehmen kann. Ein jedes Bild ist in erster Linie eine Darstellung der Darstellbarkeit.
Wenn es richtig ist, daß das Kunstwerk seinen "Inhalt" durch seine "Form" gewinnt, dann wird dadurch auch das Medium "ansich" thematisiert. Jede Form ist im Rahmen ihres Mediums nur eine unter anderen Möglichkeiten. "Man könnte auch sagen: Das Kunstwerk stellt sich selbst und seine Selbstbeschreibung aus." (7)
Immer haben wir es zu tun mit einem Spiel um Bedeutungszuweisungen - "ich sehe was, was Du nicht siehst": Kunst findet statt, wo das vermeintlich feste Verhältnis zwischen Signifikat und Signifikant neu verhandelt wird, wo der Klebstoff, der Symbolisches an Reales klebt, durch Imaginäres angelöst wird.
Der kompetente Umgang mit Klebstoffen und Lösungsmitteln - auch "Medienkompetenz" genannt - ist Grundvoraussetzung für den individuellen Pfad durch den Dschungel der ineinander verwobenen Signifikanten, die unser symbolisches Universum konstituieren. Dafür sollten Kunstpädagogen Fachleute sein (nicht nur weil der Alleskleber in der gelben Tube oft genug die Rückseite ihrer Fachzeitschrift zierte).
Einer unter vielen anderen möglichen Wegen, die Medialität aller menschlichen Lebensäußerungen und die daraus resultierenden Folgen für die Konstitution des Subjekts deutlich zu machen, wäre über Unterrichtsmaterialien der hier vorgestellten Art.
 
 

(1) Die Produktion des Material-Paketes "Der Ursprung der Bilder" wird voraussichtlich im Sommer '98 abgeschlossen sein. 
(2) "Kopieren und Einfügen": Mittels dieser beiden Menübefehle lassen sich digitale Bild- oder Textelemente in andere einfügen, Übergänge können mittels verschiedener "Glättfunktionen" unsichtbar gemacht werden. 
(3) Max Ernst über die Collage: "Collagetechnik ist die systematische Ausbeutung des zufällig oder künstlich provozierten Zusammentreffens von zwei oder mehr wesensfremden Realitäten auf einer augenscheinlich dazu ungeeigneten Ebene - und der Funke Poesie, welcher bei der Annäherung dieser Realitäten überspringt." 
(4) Von »Würstchen« zu »Schwein«, von »Schwein« zu »Borste«, von »Borste« zu »Pinsel«, von »Pinsel« zu »Manierismus«, von »Manierismus« zu »Idee« und von dort zu »Plato«. (vgl. Eco, Umberto: Das Foucaultsche Pendel, München: Hanser 1989, 264)  
(5) Als "Browser" werden die Internet-Programme bezeichnet, die die digitalen Daten des WWW graphisch auf den Bildschirm umsetzen (wie z.B. Netscape Navigator, Internet-Explorer, Mosaic etc.). 
(6) Ergebnisse der Stichwortsuche mit der www-Suchmaschine AltaVista (http://altavista.digital.com) am 1.2.98. 
(7) Luhmann, Niklas: Die Kunst der Gesellschaft, Frankfurt/M.: 1997, 78 
 

Torsten Meyer